Erkenntnis ist Teilnahme

Erkenntnis ist Teilnahme

27 Mai 2020 Sebastian Jüngel 12 mal gesehen

Das Angebot von Studium und Weiterbildung regt an, Kompetenzen in Selbstreflexion und Veränderungsfähigkeit zu entwickeln. Angesichts der Rahmenbedingungen durch die Corona-Maßnahmen gibt es neue Fragen und terminliche Anpassungen.


Beim im Oktober 2020 beginnenden Studienjahr kann diesmal jedes der Trimester einzeln und ohne Vorbedingungen besucht werden. Das Goetheanum Adult Education Program und der Leadership Course beginnen neu 2021.

Goetheanum Anthroposophy Studies:
«Verwandlung ist in allen Lebensfeldern gefordert»

Das Studienangebot am Goetheanum greift die aktuellen Lebensbedingungen auf. Im ersten Trimester des Studienjahrs 2020/21 geht es darum, einen aktiven Umgang mit unsicheren Situationen zu finden. «Verwandlung ist in allen Lebensfeldern gefordert», beschreibt Constanza Kaliks vom Kollegium die Aufgabenstellung nicht nur angesichts von Sars-CoV-2. Verwandlung, eine Metamorphose geht von etwas Bestehendem aus und auf etwas zu, was man noch nicht unbedingt kennt, was sich womöglich erst durch das Darauf-Zugehen bildet. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen auf diesem Weg verändern den Menschen und die Welt.

Die gegenwärtige Phase der Unsicherheit ist herausfordernd. Sie anzunehmen und zu gestalten, ist die Haltung des Kollegiums. Mit dem ersten Trimester antwortet es auf die Frage, wie man einen Umgang mit unsicheren Lebenssituationen üben kann: durch Bereitschaft für Entwicklung, Beobachtung und Einsatz. Ausgangspunkt dafür ist das, was wahrnehmbar ist, die Natur mit ihren Jahreszeiten, der Mitmensch oder Kulturzeugnisse. Durch sie kann man sich mit einer Wirklichkeit verbinden, die außerhalb des unmittelbaren eigenen Einflusses liegt.

Auseinandersetzung führt zu Verwandlung

Die Wahrnehmung des anderen sowie die des eigenen Seins – etwa im Blick auf Biografien – macht auf die Wirksamkeit des eigenen Mit-Tuns aufmerksam. «In der Art, wie wir uns zueinander und zur Sache stellen, lernen wir Partizipation. Aus der Auseinandersetzung damit resultiert persönliche Verwandlung», ist die Erfahrung von Robin Schmidt, Erwachsenenbildner und Dozent beim Studienangebot am Goetheanum. Matthias Rang zeigt als Co-Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum auf, wie dabei Methoden des Goetheanismus wegweisend sein können. Zusätzlich ist Verwandlung auch im künstlerischen Tun erübbar, durch das einem Impuls ein sichtbarer Ausdruck verliehen wird.

Goetheanum Adult Education Program:
«Mit der digitalen Welt lernen wir eine neue Sprache»

Die coronabedingten Einschränkungen von Lernsituationen machen darauf aufmerksam, welche Grundvoraussetzungen für den Fähigkeitenerwerb gelten. «Unsere Gewohnheiten sind radikal infrage gestellt, wenn es um das Umfeld von Lernprozessen und um Bedingungen für einen Fähigkeitserwerb geht», sagt Robin Schmidt, Erwachsenenbildner und Dozent beim Studienangebot des Goetheanum. Erfahrbarer werde derzeit, welche Bedeutung der sinnlich-körperlichen Präsenz der Mitglieder einer Lerngruppe zukommt. Edda Nehmiz vom Studienteam ergänzt: «Wenn die Begegnung nicht in einem vorgestalteten Zimmer stattfindet, sondern über digitale Kanäle, ist die Eigenverantwortung stärker gefragt, einen persönlichen Lernraum zu schaffen – denn die Dozentin, der Dozent hat darauf keinen Zugriff.»

Auf menschlichen Kontakt angewiesen

Jedes Medium bringt seine Bedingungen mit. Digitale Kommunikationsräume führen tendenziell zu einer Renaissance des Sender-Empfänger-Modells, weil sie das Wahrnehmen verschiedener Sinnesqualitäten zur selben Zeit nur beschränkt ermöglichen. Florian Osswald, Oberstufenlehrer und Dozent für das Goetheanum Adult Education Program, formuliert es so: «Beim Lernen ist die soziale Situation das Zentrale – am Bildschirm wird hauptsächlich der ‹Kopf› angesprochen.» Seiner Einschätzung nach wirkt das Lerninstrument Computer diskriminierend, etwa wenn Familien keinen oder nur beschränkten Zugang haben, oder für Menschen, die auf direkten menschlichen Kontakt angewiesen sind, wie bei der Autismus-Spektrum-Störung. Gleichzeitig zeigt sich, dass die jüngere Generation in der Regel einen gelasseneren und souveräneren Umgang mit Technologie pflegt. Edda Nehmiz: «Wir lernen gerade mit der digitalen Welt so etwas wie eine neue Sprache. Für den Fähigkeitserwerb ist wichtig, die Sprache zu sprechen, die jeweils am besten für das geeignet ist, was wir erreichen wollen.»

Goetheanum Leadership Course:
«Sich gegenseitig befeuern und ergänzen»

Um ein Unternehmen zu leiten, braucht es über die betrieblichen Belange hinaus zunehmend die Fähigkeit, auf Krisen von außen vielschichtig zu reagieren. «Wenn das Umfeld unsicher geworden ist – aktuell durch Klima, Finanzen und Maßnahmen zum Coronavirus –, ist es hilfreich, den eigenen Horizont durch Austausch mit anderen zu erweitern», sagt Jean-Michael Florin, Dozent des Goetheanum Leadership Course. Dieser vermittelt Unternehmer/inne/n Zugänge zu Kraftquellen wie Selbstführung auf Grundlage von Selbstreflexion und Methoden zum Erlangen einer inneren Freiheit. Eine weitere Quelle sind die Erfahrungen von Kolleg/inn/en mit Expertise. Das Bedürfnis, sich auszutauschen, zeigen die Teilnehmenden, wenn sie zwischen den Modulen in Verbindung bleiben. «Sie befeuern sich gegenseitig stark und ergänzen sich», hat Paul Mackay vom Leadership-Kollegium beobachtet. Dabei sei für das unternehmerische Handeln entscheidend, «ob die vermittelten Anregungen Teil des Lebens werden, sodass man nicht nur etwas weiß, sondern befähigt ist, auch in Situationen zu handeln, auf die man nicht vorbereitet ist.»

Umgang mit Formen der Angst

Die Anforderungen an Führungspersonen sind angesichts der Maßnahmen zu Corona zunächst dieselben wie sonst – «dem Möglichen im Unmöglichen auf die Spur zu kommen» (Paul Mackay) –, zusätzlich braucht es die Fähigkeit, die Mitarbeitenden so anzusprechen, dass das Unternehmen «gesund tätig bleibt, die Richtung hält und souverän handelt», sagt Jean-Michel Florin. «Eine Herausforderung ist der Umgang mit Formen der Angst, die die Existenz tiefer berühren als die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz», konkretisiert Paul Mackay. Möglich werde dies, indem man Interesse zeige: «Dadurch und durch das Durchtragen von Themen über mehrere Tage durch die Nacht entsteht eine in der Sache begründete und menschlich gegründete Arbeitsbeziehung.»


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