Esoterik im Beruf
Die Goetheanum-Leitung befasst sich neben den Fragen rund um den Lockdown und dessen Folgen mit dem Wesen der Esoterik, insbesondere der Berufsesoterik.
Rudolf Steiner entwickelte für Berufsgruppen eine eigenständige Esoterik. Diese ‹Berufsesoterik› ergänzt den Erkenntnisweg des einzelnen Menschen und bildet einen Übungsorganismus beispielsweise für Lehrer/innen, Ärztinnen und Ärzte, Therapeut/inn/en, Heilpädagog/inn/en und Priester/innen. Berufe bilden lebenspraktische Arbeitsgemeinschaften. Welche Bedeutung und Wirksamkeit hat eine ethisch-spirituelle Entwicklung im Berufszusammenhang? Wie steht sie mit der individuellen Entwicklung des Menschen in Beziehung? Und wie ist ihr Verhältnis zum allgemein-menschlichen Erkenntnisweg der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft?
Erkenntniswege in den Berufen
Für die Mediziner/innen gab Rudolf Steiner einen differenzierten meditativen Erkenntnisweg. Er dient – in ähnlicher Weise auch für die Therapeutin, den Therapeuten – als Schulung, um heilende Kräfte zu entwickeln. Durch die Meditation kann sich die Seele der notwendigen Inspiration öffnen, die schicksalsgemäße Beziehung zum Patienten, zur Patientin vertiefen und therapeutische Kräfte verstärken. Es geht um Entwicklung ethisch-spiritueller Kompetenz. Medizin ist nicht (nur) Naturwissenschaft, sondern umfasst (auch) eine moralische Qualität. Sie fragt nach dem Wirksamen und nach dem für den Patienten, die Patientin Guten.
Inwieweit lassen sich diese Elemente auf andere Arbeitsfelder übertragen, für die es keine oder kaum Angaben seitens Rudolf Steiners gibt (zu denken ist etwa an die Sektion für Landwirtschaft oder die Sektion für Sozialwissenschaften)? Wie steht die ‹praktische Esoterik›, also das Erleben spiritueller Qualitäten in der Arbeit beispielsweise auf dem Feld, im Stall oder mit den Präparaten der biodynamischen Landwirtschaft, zum meditativen Erkenntnisweg? Auf diese Fragen bezieht sich die derzeitige inhaltliche Arbeit der Goetheanum-Leitung.
Im Verständnis der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft wird der Zusammenhang der meditativen Erkenntnisarbeit mit dem Beruf und der Lebenspraxis wirksam. Dann verbindet sich der Erkenntnisweg der Michael-Schule mit dem lebenspraktischen Strom der Rosenkreuzer-Schule.
Atem zwischen Erkenntnis und Praxis
Meditative Erkenntnisarbeit bereichert die Lebenspraxis. Beide Zugänge verhalten sich zueinander wie Tag und Nacht – im Atem zwischen beiden entwickelt sich Esoterik. Wie man aus der Nacht mit gestärkten Kräften den Alltagsaufgaben entgegengeht, so wirkt umgekehrt der Tag auf die Nacht und der Schlaf wird Spiegel des Tags. Beide Qualitäten stehen in enger Beziehung, leben voneinander, dürfen sich nicht trennen, aber auch nicht vermischen.
Alltägliche Erfahrungen beleuchten diesen Zusammenhang: Wer im Kunstturnen mit einem Salto über einen Bock springen möchte, visualisiert den Ablauf vor dem eigentlichen Sprung. Auf dem Weg zum Bock hin fließt das visualisierte Bild in die akrobatische Handlung. Oder: Zum Vorbereiten einer Unterrichtsstunde gehört, dass die Lehrperson genau weiß, was sie will. Aber in der konkreten Situation vor den Schüler/inne/n ist das Vorbereitete an das anzupassen, was diese mitbringen. Innere Arbeit verbindet sich auf diese Weise mit der äußeren Tätigkeit und befähigt zum Erfassen des Wesenhaften in der Arbeitswelt. Umgekehrt bereichert das Erleben dieser ‹Esoterik des Alltags› den meditativen Erkenntnisweg.
Eine besondere Qualität entsteht nun dadurch, dass sich der/die Einzelne als Zugehörige/r einer Berufsgruppe nicht nur professionell weiterbildet, sondern einen zu dieser gehörenden meditativen Erkenntnisweg geht. Damit verbindet sich der geistige Übungsweg mit der beruflichen Tätigkeit. Ein geistiger Strom fließt in das praktische Leben und bildet eine neue Qualität. Das sich entwickelnde Wesen des Menschen begegnet dadurch dem Geistigen der Welt und führt Menschlichkeit in den Alltag. Auch darin zeigt sich ein Wesenszug von Esoterik.
Aus der Arbeit der Goetheanum-Leitung berichteten Matthias Girke und Florian Osswald.