Gehen im Seelengleichgewicht

Gehen im Seelengleichgewicht

25 September 2019 Wolfgang Rißmann 18 mal gesehen

Der Mensch ist ein gehendes Wesen. Im aufrechten Gehen stellt er immer wieder ein labiles Gleichgewicht her. Wolfgang Rißmann untersucht das Gehen als ein Element, den eigenen inneren Freiraum und das Seelengleichgewicht zu erkunden. Beide sind eine Grundlage für eine Gemeinschaftsbildung als Schwingen zwischen Du und Ich.


Im zweiten Abschnitt des Grundsteinspruches heißt es: «Übe Geist-Besinnen / Im Seelengleichgewichte.» Wie finde ich Seelengleichgewicht?

Eine schlichte Übung kann ein Anfang sein: Ich gehe auf einer ebenen Strecke geradeaus, in freier Landschaft oder auf einer ruhigen Straße. Ich gehe gleichmäßig, ohne anzuhalten, vielleicht eine halbe Stunde, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Dann beschleunige ich meine Schritte und gehe so rasch, wie ich kann. Nach einer Weile werde ich wieder langsamer und gehe sehr gemächlich.

Nicht zu schnell, nicht zu langsam

Bei raschem Tempo werde ich angespannt, fühle meine Muskeln, fühle den beschleunigten Atem und Herzschlag, die Wahrnehmung der Umgebung tritt in den Hintergrund. Bei langsamem Tempo werde ich träge, verliere mich in der Umgebung oder in eigenen Erinnerungsbildern und Träumen. Die Aufgabe heißt also: nicht zu schnell und nicht zu langsam gehen.

Wie kann das geschehen? Wenn ich ein paar Mal zwischen schnellem und langsamem Rhythmus wechsle, werde ich allmählich meinen eigenen Rhythmus finden, bei dem ich mich ausgeglichen fühle, dabei die Umgebung und den eigenen Leib gleichzeitig im Bewusstsein habe. Bei feinerer Eigenbeobachtung zeigt sich, dass der eigene Rhythmus etwas Wohltuendes bewirkt und einen Freiraum eröffnet zwischen Fixierung an den eigenen Leib und Verlust des Selbstgefühls in der Umgebung. Es entsteht die Empfindung, dass sich wie von außen her eine wohltuende Kraft in meiner Mitte bildet. Menschen mit schweren Erschöpfungszuständen oder depressiven Verstimmungen berichten oft von einer solchen Empfindung, wenn sie regelmäßig in dieser Art das Gehen üben.

Ein Spruch der alten Babylonier lautet: «Sieh dir an den Menschen, der da geht. / Nicht wie ein Greis, und nicht wie ein Kind. / Der da geht als ein Gesunder / Und nicht als ein Kranker. / Der da nicht zu schnell läuft / Und nicht zu langsam schreitet. / Und du wirst sehen das Maß des Sonnengangs.»

«Übe Geist-Besinnen im Seelengleichgewichte» kann bedeuten, nicht ein, sondern zwei Bilder nebeneinander anzuschauen und rhythmisch zwischen diesen Bildern hin und her zu wandern, oder zwischen zwei Worten oder zwischen zwei unterschiedlichen Gedanken. Es ist eine pendelnde Seelenbetätigung, die etwas Neues in der Wechselbewegung entstehen lässt. Das bei der Gehübung erworbene Gefühl für Gleichgewicht kann hier in das Geistige übertragen werden.

Begegnung ist eine Rhythmusfrage

Ein verwandter Vorgang lässt sich in der Begegnung mit einem anderen Menschen erfahren. Wenn Begegnung mit einem anderen Menschen stattfinden soll, gilt es, wechselweise ganz in den anderen einzutauchen und wieder zu sich zurückzuschwingen. Die Begegnung mit dem anderen ist eine Rhythmusfrage, keine Frage von Klugheit oder moralischer Appelle. Rhythmisches Schwingen zwischen Du und Ich schafft den Raum für ein Drittes, was sich wie ein Geschenk von außen einstellen kann. Etwas Neues bildet sich.

Urbildlich ist dieser Vorgang im 24. Kapitel des Lukas-Evangeliums geschildert. Zwei Menschen auf dem Weg nach Emmaus suchen ihre Rätselfragen im Gespräch zu ergründen, ein Dritter erscheint am Ende des Weges und gesellt sich ihnen hinzu. Bei dem anschließenden Mahl erkennen sie den Dritten als den Auferstandenen.

Ein weiteres Übungsfeld eröffnet sich bei der Frage nach geistiger Gemeinschaftsbildung. Menschen verschiedenster Herkunft und Wesensart finden sich zusammen, weil sie gemeinsame geistige Fragen und Anliegen haben. Hier wird noch deutlicher, dass eine Lösung weder in intellektueller Auseinandersetzung noch in Machtimpulsen zu erreichen ist. Voraussetzung ist die Fähigkeit des Einzelnen, sich im eigenen Bewusstsein eine Vorstellung zu bilden von der Vielfalt der zusammenkommenden Menschen, von ihrer unterschiedlichen Denkweise, Gefühlsart und ihren Initiativen. Erst dann kann sich in einem zweiten Schritt der Freiraum bilden, die Begabungen, Fähigkeiten und Anliegen der Einzelnen in der Gemeinschaft zum Tragen kommen zu lassen. Rudolf Steiner hat das in dem bekannten Spruch zum Ausdruck gebracht, den er 1920 an Edith Maryon gegeben hat: «Heilsam ist nur, wenn / Im Spiegel der Menschenseele / Sich bildet die ganze Gemeinschaft / Und in der Gemeinschaft / Lebet der Einzelseele Kraft.»

Kraft des Christus

Geistige Gemeinschaftsbildung, so wie wir sie in der Anthroposophischen Gesellschaft und allen ihren Lebensfeldern suchen, ist eine Rhythmusfrage. Die geistige Kraft und Wesenheit, die hinter und in allem rhythmischen Geschehen wirksam ist, wird im zweiten Teil des zweiten Abschnitts vom Grundstein angesprochen: Es ist die Kraft des Christus. Seine Wirksamkeit ist immer Gnade und Geschenk.


Wolfgang Rißmann trug diese Gedanken während der Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am 14. April 2019 am Goetheanum vor.