Gesundes Wir
Die Bildung einer Gemeinschaft baut auf einem individuellen Entwicklungsweg auf. Ein gesundes Wir ist nicht ein für alle Mal, sondern immer wieder neu zu bilden.
Florian Osswald Gemeinschaftsbildung setzt beim Einzelnen an und baut auf dem Zusammenwirken zwischen Individuen und ihrer Beziehung zu geistigen Wesen auf. So kann ein Umkreis dazu beitragen, dass sich in einem Einzelnen eine Idee entwickelt.
Claus-Peter Röh Das Corona-Jahr hat soziale Organismen tüchtig durchgerüttelt. Damit ist die Frage nach einem neuen, nach einem gesunden Wir gestellt. Die Anthroposophie zeigt dabei drei Qualitäten auf: Durch Imagination entwickle ich eine wesenhafte Bildhaftigkeit. Mit Näherung und Zuwendung an ein Thema oder einen Menschen schaffe ich die Möglichkeit, inspiriert zu werden. Durch Intuition werde ich eins mit dem, was ich tue. Herbert Hahn stellt das gemäß der Neuausgabe der ‹Allgemeinen Menschenkunde› (GA 293, 2019, Seiten 36 und 846, Anmerkung zum Vortrag vom 21. August 1919) so dar: Hinter einem Menschen steht imaginierend ein Wesen, das beispielsweise in einer Situation weitere Wege oder mögliche Entschlüsse aufzeigt – das kennzeichnet das Verhältnis zum Engelwesen. Inspiration vollzieht sich im Zusammenklang mit Menschen, wenn jemand in der Gemeinschaft (s)eine Idee findet – aus dem Verhältnis zum Erzengel heraus. Damit sich das, was Entschluss ist, auch realisiert, umgesetzt werden kann, braucht es Intuition – aus einem Verhältnis zu den Archai. Und dieser Reichtum an Begegnungen fehlt in Corona-Zeiten.
Kraft – Orientierung – Mut
Osswald Dieser Umgang mit der imaginierenden Qualität gibt einem Kraft: Aus einem Bild entsteht eine Orientierung, aus dem heraus man tätig wird. Durch den zweiten Schritt, die Inspiration, entsteht in einer Gemeinschaft Mut, etwas aus einer Gemeinschaft heraus zu tun. Das sind zugleich Antworten zu typischen Fragen wie ‹Habe ich Kraft, etwas umzusetzen?› oder ‹Habe ich den Mut, etwas zu tun?›.
Röh Es geht zunächst darum, den anderen – Kinder, Kolleg/inn/en, Eltern – wahrzunehmen und wahrgenommen zu werden. Dadurch ändert sich das Handeln: In Folge der drei Schritte spüre ich, was beispielsweise in einer Klasse oder sozialen Situation wahrgenommen werden möchte. Dabei sind Grundtugenden unabdingbar, etwa Mut zur Wahrheit sowie Einheit von Vorstellung und Tun.
Osswald. Ein weiteres Hindernis kann sein, zu meinen, schon zu wissen, wie etwas ist.
Röh Übungen für Unvoreingenommenheit und Offenheit sind, das Staunen zu pflegen und sich auf Neues einzulassen, vielleicht etwas zu lernen, was man noch nicht kann (als Lehrerin oder Lehrer auch, um sich in die Situation der Schülerinnen und Schüler zu versetzen). Zudem ist – auf sozialer Ebene – wichtig, sich im Kollegium und in weiteren Gruppen mitzuteilen und auszutauschen über Wahrnehmungen, etwa zu einer Klasse.
Osswald Es gilt, sich selbst als Teil eines Prozesses zu verstehen, drinzusein und sich klar zu sein: Ich bin (mit-)verantwortlich für die Atmosphäre, die entsteht.
Bilden – auflösen – neu bilden
Röh Und dann löst sich wieder alles von mir: Ich freue mich über die Eigeninitiative und Freude am Tun des anderen, etwa wenn die oder der Jugendliche ihre oder seine eigenen Schritte geht.
Osswald Ein Gemeinschaftsprozess, bei dem sich ein Wir bildet, ist eigentlich nicht auf gesunde Weise festzuhalten – es sollte sich wieder auflösen, da einen die Gemeinschaft sonst unfrei macht. Ein gesundes Wir bildet sich immer wieder neu. Eine Gemeinschaft wird also gerade nicht organisiert. Durch die Arbeit an der Ich-Ebene kann das höhere Ich gefunden werden – und das kann man, um an das eingangs Gesagte anzuschließen, Engel nennen.
Röh Auch dazu braucht es Vertrauen nicht in das einmal Erreichte und Gesetzte, sondern in das, was aus der jeweils gegebenen Konstellation entstehen kann, immer wieder neu. Ein Brückenschlag zu den im Sozialen wirksamen Wesen lässt sich durch Meditation fördern. Ich konzentriere mich durch Auswahl meiner Gedankeninhalte, lebe mich in sie ein und lasse mich auf das ein, was dann auf mich ‹zukommt›. Das Neue.