Gesundheit in Kindheit und Jugend
Die Entwicklungssensibilität des kleinen Kindes ermöglicht, dass es in Wechselwirkung mit den Eindrücken aus seinem Umfeld seine Persönlichkeit bildet.
Da Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Lebenszeit in pädagogischen Einrichtungen verbringen und sich deren räumliche, konzeptionelle und soziale Ausgestaltung auf die Gesundheit – bis ins Leben als Erwachsene hinein – auswirkt, geht es zudem um die gesunde Ausgestaltung des Lernumfelds.
Buch: Die Würde des kleinen Kindes
Ein Kind lernt sowohl von anderen Menschen als auch innerhalb der Freiräume, die diese ihm zugestehen, um seine Eindrücke zu verarbeiten», sagen die Kinderärztin Michaela Glöckler und die Sozialarbeiterin Claudia Grah-Wittich, die das Buch ‹Die Würde des kleinen Kindes› herausgegeben haben. Das, was das kleine Kind in seinen ersten Jahren aufnimmt und verarbeiten kann, bildet gewissermaßen den Humus für seine weitere Reife.
Erziehung und Selbsterziehung
Nicht immer entspricht das Umfeld des Kindes idealen Entwicklungsbedingungen. Möglicherweise begegnet es einer Flut von Sinnesreizen, die es nicht verarbeiten kann, werden ihm kognitive Fähigkeiten abverlangt, die es allenfalls nachbilden, über die es aber nicht aus einem Verständnis heraus verfügen kann, und lebt es in einem von disruptiven Situationen geprägten sozialen Umfeld, das das Kind überfordert, weil sich diese Erlebnisse seinen Fähigkeiten entziehen.
Ausgehend von Waldorfpädagogik und Emmi Pikler und unter Einbezug medizinischer, psychologischer und pädagogischer Forschungsergebnisse stellen erfahrene Autor/inn/en Grundlagen für die Begleitung des Kindes von seiner Geburt bis zum Zahnwechsel dar. Dabei geht es um Aspekte der Embryonalentwicklung, der Pflege und der Aufgaben des familiären Umfelds, der pädagogischen Einrichtungen und therapeutischen Praxen. Dem erziehenden Gegenüber kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Denn von ihm lernt das kleine Kind primär. Um der Würde des kleinen Kindes gerecht zu werden, ist Erziehung also nicht nur auf das anvertraute Kind gerichtet, sondern auch auf die Erziehenden selbst: Die Würde, die sie ausstrahlen, ‹nährt› das Kind.
Petition: Recht auf Bildschirmfreiheit
Die Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie (Eliant) setzt sich für kulturelle Vielfalt und Wahlmöglichkeiten in Europa ein. Für einen altersgemäßen Einsatz digitaler Technik läuft bis Ende des Jahres die Petition ‹Für ein Recht auf bildschirmfreie Kitas, Kindergärten und Grundschulen›. Denn angesichts des coronabedingt verstärkten Drucks, Leben und Arbeit – insbesondere im Bildungsbereich – digitalisiert zu organisieren, ist Eliant der altersgerechte Einsatz digitaler Technologien ein zentrales Anliegen.
Bereits 2016/17 hat die Vereinigung der Waldorfkindergärten in Deutschland mit dem Neurowissenschaftler Manfred Spitzer eine Petition für bildschirmfreie Kindertagesstätten und Kindergärten auf den Weg gebracht. Nun hat Eliant die europaweite Petition ‹Für ein Recht auf bildschirmfreie Kitas, Kindergärten und Grundschulen› lanciert. «In Schweden haben die Kindergärten bereits im August 2020 das Recht auf Bildschirmfreiheit verloren», sagt Michaela Glöckler von Eliant. Damit weist sie auf eine akute Situation hin. Sie fühlt sich gleichzeitig durch die Worte von Martine Reicherts 2017 in Brüssel ermutigt. Diese hatte in ihrer damaligen Funktion als Generaldirektorin für Bildung der eu-Kommission die Kongressteilnehmenden ermuntert, sich für Bildungsalternativen zu engagieren.
Auf Initiative von Eliant wurde daher auch der Ratgeber ‹Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt› von Mitgliedern des Bündnisses für humane Bildung in bisher zehn Sprachen übersetzt (von Arabisch über Englisch bis Koreanisch).
«Je breiter die Unterstützung, desto mehr politisches Gewicht bekommt diese Initiative, etwa durch die angestrebten 100 000 Unterstützerinnen und Unterstützer bis Ende 2020», so Michaela Glöckler. Eliant wird auch nach Abschluss der Petition das Engagement für eine Bürgerbewegung für humane Bildung fortsetzen.
Buch: Orte gesunder Entwicklung
Die Schwäche des Menschen ist seine Stärke. Er reagiert sensibel auf Eindrücke aus seinem Umfeld. Er ist ihnen dadurch ausgesetzt, vermag jedoch durch seine ‹Beeindruckbarkeit› vielfältigste Fähigkeiten auszubilden – anders als Tiere, deren Fähigkeiten funktionsbezogen hochspezialisiert sind.
Der Kinderärztin, langjährigen Schulärztin und weltweit tätigen Beraterin Michaela Glöckler ist die Zunahme körperlicher und psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen eine wachsende Sorge. Sie spricht sich dafür aus, Bildungsstätten als Orte gesunder Entwicklung zu begreifen. Die Gesundheit unterstützende Gestaltung der Lernorte ist ihr auch deshalb wichtig, «weil die gesunde Reifung des Menschen für ein kreatives Leben im Alter die beste Voraussetzung ist».
Michaela Glöckler führt auf Grundlage ihrer waldorfpädagogischen Erfahrungen und als anthroposophische Kinderärztin Gesundheit auf verschiedene Faktoren zurück. Das beginnt bei der Architektur der Bildungseinrichtungen, geht über die Inhalte von Lehrplänen und ihre methodische und didaktische Umsetzung im Unterricht bis zu den Verwaltungsstrukturen und zum Angebot der Schulküche. In allem spricht sich die Haltung dem Kind gegenüber aus: Wird Entwicklung gefördert statt Leistung gefordert?
«Es geht doch darum, ein Umfeld zu schaffen, das Eigentätigkeit und Selbstwirksamkeit anregt, statt Vorgaben zu machen, realweltliche Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen, bevor eine digitale Schulung stattfindet, und allen Bedürfnisschichten der Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden, wozu ich Wissenschaft, Kunst und Spiritualität zähle», fasst Michaela Glöckler weitere Aspekte einer gesunden Bildungseinrichtung zusammen.
Buch Michaela Glöckler, Claudia Grah-Wittich (Hrsg.): Die Würde des kleinen Kindes 1, Was erhält das kleine Kind gesund? Pflege und Erziehung in den ersten drei Lebensjahren. (Auch auf Englisch).
Die Würde des kleinen Kindes 2, Gesunde Entwicklung und Prävention. Begleitung des Kindes von Geburt an. Beide Bände Verlag am Goetheanum.
Petition Eliant/Aktuelles
Buch Michaela Glöckler: Kita, Kindergarten und Schule als Orte gesunder Entwicklung, Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen.