Hans Specht

Hans Specht

29 August 2019 Martina Maria Sam 26 mal gesehen

Bei einer Recherche stieß Martina Maria Sam darauf, dass der kleine Hans Specht das erste Kind war, das Rudolf Steiner im ersten Jahrsiebt erlebte. Dank der Hilfe von Peter Rathjen konnten weitere biografische Details von Hans Specht ermittelt werden. Hier im Vorabdruck Auszüge aus einer ausführlicheren Darstellung.


Im Herbst 2018 ging ich daran, die Fortsetzung von Rudolf Steiners Jugendbiografie zu schreiben. Der erste Band ‹Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend› reicht bis ins Jahr 1884, der zweite wird die Jahre 1884 bis 1890 umfassen. Als ich mich für den zweiten Band zunächst mit der Geschichte der Familie Specht auseinandersetzte, wurde mir bewusst, welch große Rolle für Rudolf Steiner nicht nur Otto Specht, sondern auch dessen Cousin Hans Specht spielte.

Ein etwas vorlauter Knabe

Hans Specht (1885–1953) wurde wenige Monate nach Beginn von Rudolf Steiners Erziehertätigkeit im Haus Specht geboren. Hans war das erste und das einzige Kind, dessen Entwicklung Rudolf Steiner von Geburt an bis in sein sechstes Lebensjahr quasi Tag für Tag verfolgen konnte. Viele von Rudolf Steiners Erkenntnissen über die Entwicklung des Kindes im ersten Jahrsiebt verdanken wir seinen Beobachtungen am kleinen ‹Hansl›. Außerdem konnte Rudolf Steiner bei den Cousins von Hans – Richard (13), Otto (11), Arthur (9) und Ernst (6) – die Grundlagen des zweiten und später des dritten Jahrsiebts studieren.

Der junge Hans Specht, Foto: Rudolf-Steiner-Archiv


Hans war ein etwas vorlauter, ‹frecher› Knabe. Rudolf Steiner liebte Hans sehr und kam auf ihn noch in seinem Vortrag vor angehenden Waldorflehrern am 29. August 1919 zu sprechen. Das von einem Arzt aufgrund seiner Schwächlichkeit empfohlene tägliche Gläschen Rotwein habe zur späteren Nervosität als Erwachsener geführt (GA 116, Vortrag vom 22. Dezember 1909) – eine Folge, die auch bei anderen Kindern eintrat.

Umso unbefriedigender war es für mich, dass ich – außer, dass er 1939 nach Sydney ausgewandert ist – nichts über sein späteres Schicksal erfahren konnte. Durch einen glücklichen Zufall lernte ich im Oktober 2018 im Rudolf-Steiner-Archiv in Dornach (CH) den australischen Heilpädagogen Peter Rathjen kennen, den ich um Hilfe für weitere Recherchen zu Hans Specht in Australien bat. Peter Rathjen förderte Erstaunliches zutage. Und so können wir nun die Biografie von Hans Specht zweimal 33 Jahre nach seinem Tod in Umrissen nachzeichnen.

Emigration nach Australien

Hans Specht wurde nach Rudolf Steiner nur ein mäßiger Schüler. Später arbeitete er viele Jahre als stellvertretender Bankdirektor in der Wiener Zentral-Europäischen Länderbank. Obwohl er 1920 aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten war, verlor er aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1939 seine Stellung in der Bank. Deshalb emigrierte die Familie 1939 über London (GB) und Sri Lanka nach Sydney (AU). In Australien änderten sie ihre Namen: Hans Specht wurde ‹John Peter Spence›, Maria Specht ‹Mary Ann Spence›.

Da er keine Stelle mehr als Banker fand, arbeitete Hans Specht einige Jahre im Büro der Modern Hand-Weaving Company. Wochenends erholte er sich bei Boots- und Angelausflügen. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs stand die Familie im Verdacht, Sympathien für die Nazis zu hegen – Briefe und Telegramme wurden abgefangen und die Familie mindestens viermal befragt und überprüft.

In Hans Spechts Emigranten-Schicksal spiegelt sich die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts wider.


Sinnesempfindung beim kleinen Kind

Eine Sinnesempfindung […] ist etwas ganz anderes für ein Kind als für einen Erwachsenen. Eine Sinnesempfindung ist für ein Kind etwas ganz Geistiges. […] Auf das Kind machen nur einen Eindruck verborgene geistige Wesenheiten, die mit einer Ich-Natur etwas zu tun haben, also vor allen Dingen geistige Wesenheiten der höheren Hierarchien vom Menschen aufwärts, aber auch die Gruppenseelen der Tiere, die Gruppenseelen der Elementarwesen. […] und aus diesen geistigen Kräften, aus dieser großartigen geistigen Dynamik heraus formt es [das Kind] sich aus dem Modell seinen zweiten Leib, der nach und nach heranwächst, und der in dem Ausmaß, als der Zahnwechsel sich vollzieht, als zweiter Leib da ist. Das ist erst der Leib, den sich der Mensch nach der Geburt als seinen eigenen ersten Leib aufbaut, und der herausgebaut ist als physischer Leib aus der geistigen Welt.

Quelle: Rudolf Steiner: GA 318 (Pastoral-Medizinischer Kurs), 1994, Seiten 53f.