Ich im Wir
Der Sorge um das soziale Leben auf den Philippinen und dem Engagement Einzelner ist es zu verdanken, dass sich dort viele anthroposophische Initiativen etabliert haben. Die Aufgabe der Anthroposophie ist dabei sowohl nach innen gerichtet, aufs eigene Ich, als auch auf das Wirken in der Welt, auf einen Einsatz für Individualität und Gemeinschaft.
Die anthroposophische Bewegung begann auf den Philippinen mit den Fragen Einzelner, wie den sozialen Herausforderungen nach der Diktaturzeit begegnet werden kann. Sie suchten nach Mitstreitern, die ebenso nach Alternativen, nach Selbstbestimmung und sozialem Wandel suchten.
Einer von ihnen ist Jake Tan. Er kämpfte schon in den 1970er-Jahren an der Seite von Bauern für bessere Bewässerungssysteme und fragte sich: «Wie stärkt man die Filipinos aus den benachteiligten Bevölkerungsschichten?» Seine Frau Bella Tan, die Zeugin vieler unmenschlicher Verhältnisse ist, war ebenfalls besorgt über die Zukunft ihrer Kinder. Maryjoan Fajardo gehört zur Philippine Educational Theater Association (Peta), die Theaterstücke zu Themen gegen Unterdrückung und Gewalt inszeniert. Nicanor Perlas war gezwungen, das Land während der Kriegsrechtsjahre zu verlassen, weil er gegen das Kernkraftwerk Bataan unter dem Regime von Ferdinand Marcos war.
Wiederbelebung des Landes
Neben anderen Menschen befassten sich diese vier ab 1987 mit der Anthroposophie. In dieser Zeit erfuhr das Land eine Wiederbelebung aus eigenen Kräften nach der People Power Revolution 1986 und dem Ende der 21-jährigen Diktatur. Doch Korruption, Unterdrückung und Armut sind durch die Adern der philippinischen Lebensweise gesickert, sodass man sich fragt, wie diese überwältigenden Probleme gemildert werden können.
Nach Studiengruppen mit Nicanor Perlas, Besuch von Lehrerausbildungen im Ausland und dem Start eines Pionierkindergartens mit den Kindern der Bauern auf dem biodynamischen Bauernhof Ikapati gründeten Bella Tan, Maryjoan Fajardo und Kathryn Perlas 1994 die erste Waldorfschule auf den Philippinen. Jake Tan konzentrierte sich auf anthroposophische Arzneimittel, während Ärzte wie Moon Maglana und Grace Zozobrado-Hahn eine anthroposophisch inspirierte medizinische Grundversorgung und Anregungen zur individuellen Stärkung durch Selbsterziehung und ein gesundes Verhältnis zur Umwelt zu entlegenen Inseln wie Mindanao und Palawan brachten.
Neben seinen anderen Initiativen im In- und Ausland gründete Nicanor Perlas den ersten biodynamischen Hof auf den Philippinen. Seither wächst die Bewegung: Zurzeit gibt es Waldorfschulen, biodynamische Höfe, die Qualifizierung für Ärzte/Ärztinnen, Krankenschwestern, Therapeut/inn/en und Studierende (IPMT), zwei Kunsttherapieausbildungen, die Christengemeinschaft und die Anthroposophische Gruppe auf den Philippinen. Im September 2019 feierten 200 Menschen an der University of the Philippines die Beiträge der anthroposophischen Impulse der letzten 30 Jahre.
Die Freiheit des anderen wahren
Worin findet die anthroposophische Bewegung im Zeitalter von Fake News, raschem technologischen Fortschritt, ständigen Angriffen auf die grundlegenden Menschenrechte und dem Abgrund zwischen Arm und Reich im heutigen globalen Kontext ihre Berechtigung? Durch den Dialog innerhalb und außerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft, die ruhige Wachsamkeit gegenüber dem, was in der Welt vor sich geht, das Einbeziehen der Jugend und die Bereitschaft, tätig zu werden – im eigenen Ich wie in der Welt. In diesem Raum von Individualität und Gemeinschaft mögen wir die Freiheit des anderen wahren, uns immer mehr dafür verantwortlich fühlen, dass man sich mit anderen weiterentwickelt und verbindet, und darauf vertrauen, dass wir Hilfe bekommen, wenn wir nach ihr fragen.
Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.
Web www.anthroposophyphilippines.org