Kernkompetenz forschend entwickeln und vertiefen

Kernkompetenz forschend entwickeln und vertiefen

27 April 2020 Sebastian Jüngel 12 mal gesehen

Seit Beginn dieses Jahres haben Matthias Rang und Johannes Wirz die Leitung der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum von Johannes Kühl übernommen. Der Physiker und der Biologie sind als engagierte Wissenschaftler mit ihren Berufskollegen vernetzt und darüber hinaus mit Blick auf die sozialen Implikationen ihrer Gebiete aktiv.


Sebastian Jüngel Zu Ihren Forschungsthemen, Johannes Wirz, gehören Genetik, Bienen und die gesellschaftspolitische Fragestellung ‹Saatgut – Gemeingut›, so der Titel einer Publikation mit Ihnen als Co-Autor. Was verbindet diese Gebiete durch Sie?

Johannes Wirz
In allen schwingt die Frage nach dem ‹Ganzen› und der Beziehung zum Sozialen mit. Die Genetik ist zentral für die Entwicklung aller Lebewesen, auch des Menschen, aber nicht die Ursache. Wenn Erbsubstanz als Text verstanden wird, den Pflanzen, Tiere und Mensch interpretieren, ist der Weg zur Anerkennung der Typusidee von Johann Wolfgang Goethe und der Individualität, die wir alle sind, nicht weit.

Die Bienen sind meine Liebesgeschichte. Dank Rudolf Steiner haben wir die Möglichkeit, in ihnen Bilder für die Zukunft des sozialen Miteinanders zu entdecken.

Mit Ueli Hurter und Peter Kunz haben wir auf Grundlage von Elinor Ostrom, der ersten weiblichen Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, herausgearbeitet, dass der Mensch die Quelle für die Entstehung der riesigen Diversität der Kulturpflanzen ist und dass dieses menschheitliche Gemeingut verlorengeht, wenn es nicht den Regeln des profitorientierten Privateigentums entzogen wird.

Selbstbild des Menschen

Jüngel Matthias Rang, Sie sind in Ihrer Dissertation und in Form von Ausstellungen mit Optik befasst. Was bringt Sie dazu, Physik in Theorie und Praxis zu leben?

Matthias Rang
Nach meiner Dissertation, in der ich versucht habe, Johann Wolfgang Goethes Farbenlehre mit der heutigen Optik zu verbinden, und neben meinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hatte ich das Bedürfnis, der Gesellschaft, die diese Forschung finanziert hat, etwas zurückzugeben, etwa in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Nora Löbe in Form der Ausstellung ‹Experiment Farbe›, die in verschiedenen Ländern gezeigt wurde.

Jüngel Wo steht die Forschung zur Willensfreiheit des Menschen?

Rang
Im Projekt mit dem Neurologen Siegward Elsas wenden wir ein goetheanistisches Prinzip an: Statt, wie üblich, die aus einem Experiment gezogenen Schlussfolgerungen auf alle möglichen Situationen zu verallgemeinern, versuchen wir, viele Experimente durchzuführen und daraus ein mögliches Verständnis herauszulesen. Eine Herausforderung für uns ist, die Fülle der experimentellen Daten nach guten wissenschaftlichen Kriterien zu bewältigen. Andererseits ist die Frage für unser Selbstbild als Menschen von so großer Bedeutung, dass die Ergebnisse nicht nur für unsere Kolleginnen und Kollegen interessant sind.

In Kontakt mit universitärem Umfeld

Jüngel Wie steht es um den Kontakt zu Wissenschaftlerinnen und Forschern?

Wirz
Wir sind überzeugt, dass die goetheanistisch-anthroposophische Naturwissenschaft zu einer historischen Fußnote verkommt, wenn sie nicht im Kontext der aktuellen akademischen Wissenschaft gehalten wird. Deshalb wollen wir unsere Sichtweisen mit dem universitären Umfeld teilen. Diese Bemühungen haben bei uns eine lange Tradition, etwa bei der internationalen Ifgene-Konferenz 1996 mit etwa 200 Wissenschaftler aus aller Welt am Goetheanum. Damals wie heute gilt, dass Dialoge auf Augenhöhe – also ohne Belehrung – geführt werden und unsere Beiträge nachvollzogen werden können. In solchen Begegnungen gibt es immer ‹Betonköpfe› mit Denkkorsett des akademischen Materialismus, aber auch diejenigen, die nicht dem Namen, aber dem Inhalt nach goetheanistisch, also mit ganzheitlichen Forschungsmethoden arbeiten.

Jüngel
Welche Bedeutung hat dabei die goetheanistisch-anthroposophische Naturwissenschaft?

Wirz
In praktisch allen Lebensfeldern geht ohne Naturwissenschaft nichts – seien es Klimafragen, Medizin, Pharmazie oder Technik. Hier haben wir eine Art Bringschuld. Sie können wir nur leisten, wenn wir unsere Kernkompetenz wirklich forschend entwickeln und vertiefen. Dafür brauchen wir Forschungsprojekte vor Ort. Ohne diesen ‹Stoffwechselpol› kann die Sektion nicht überleben! Zugleich sind wir glücklich, dass auch Kolleginnen und Kollegen in vielen Ländern mit goetheanistischen Forschungsmethoden in dieselbe Richtung arbeiten.

Rang
Sieht man bildhaft die Freie Hochschule als Organismus, wäre die Naturwissenschaftliche Sektion vergleichbar mit seinen Füßen. Rudolf Steiner hat Wert darauf gelegt, Anthroposophie auf der neueren Naturwissenschaft aufzubauen, gleichzeitig war auch biografisch die Beschäftigung mit Goethes Naturwissenschaft die Wiege, in der er die Keime der Anthroposophie entwickelte. Unserem Verständnis nach muss eine solche Grundlegung von jeder Generation immer wieder neu errungen werden.

Als Sektion präsenter werden

Jüngel Welche Vorhaben haben Sie?

Wirz
In der Pipeline haben wir ein Projekt über Fische, das die Arbeiten zur Dreigliederungsidee bei den Säugetieren, Vögeln, den Amphibien und Insekten vervollständigen würde. Eben gestartet haben wir ein Kooperationsprojekt mit dem Kwalis-Forschungsinstitut, in dem die naturwissenschaftliche Expertise direkt in die Qualitätsuntersuchung von Lebensmitteln führt. Dieses Projekt wäre in Zukunft zusammen mit der Sektion für Landwirtschaft und der Medizinischen Sektion ausbaubar. Voraussetzung ist, dass wir dafür die Finanzierung finden.

Rang
Gegenwärtig begehen wir viele 100-Jahr-Feierlichkeiten in der anthroposophischen Bewegung – gleichzeitig erleben wir, dass die Anthroposophie und ihre Lebensfelder öffentlich angegriffen werden. Viele dieser Angriffe werden mit wissenschaftlichen Argumenten untermauert.

Die Menschheit hat in der Naturwissenschaft eine Erkenntnissicherheit gewonnen, die auf der Einschränkung der Gültigkeit einer Aussage beruht. Dagegen verwenden viele Angriffe auf die Anthroposophie wissenschaftliche Aussagen, ohne von deren Beschränkung Kenntnis zu nehmen. Dies gilt nicht unbedingt für die Wissenschaftler selbst, aber in manchen Teilen der Gesellschaft ist Wissenschaft eine Art ‹Pseudoreligion› geworden. Interessanterweise werfen uns gerade diese Kreise eine religiöse Ausrichtung vor. Hier fühlen wir uns aufgefordert, als Sektion präsenter zu sein.


Seite der Naturwissenschaftlichen Sektion.