Kommt das Goetheanum voran?
Der Finanzabschluss 2019 liegt mit einem deutlich positiven Ergebnis im Plan. Möglich war dies jedoch nur durch den Verkauf eines Hauses. Außerdem wurden die Gehaltsaufwendungen im Laufe von vier Haushaltsjahren gesenkt. Deutlich ist: Trotz der Aufwendungen der Mitglieder sind weitere Einnahmequellen zu erschließen.
Zunächst können wir uns über das Jahresergebnis für 2019 freuen! Darüber, dass es uns allen zusammen mit Hilfe unserer Mitgliedsbeiträge, der vielen kleinen und großen Spenden und der institutionellen Unterstützung von Stiftungen und Geldgebern und nicht zuletzt der Leistungen der Goetheanum-Mitarbeitenden gelungen ist, das Goetheanum gut durch das Jahr zu bringen. Alle elf Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft konnten im Wesentlichen ihre geplanten Forschungen, die in Aussicht genommenen Projekte, viele Kolloquien und große Tagungen durchführen, ohne dass diese am Geld gescheitert wären.
An den Ereignissen des Jubiläumjahres 2019 war das Goetheanum in Bezug auf ‹Waldorf 100› und ‹100 Jahre Dreigliederungsimpuls› kräftig beteiligt. Die Gehälter für die rund 206 Mitarbeitenden wurden jeden Monat pünktlich bezahlt – und wenn auch in nicht wenigen Bereichen ein ‹Zuviel an Arbeit› Sorge bereitet, so sind die Teams des Goetheanum näher zusammengerückt und gehen freudig zu Werke.
Selbst die behördlich geforderte, aufwendige Aufrüstung der zahlreichen historischen großformatigen Holztüren im Westeingang des Goetheanum auf das heutige Niveau der Brandschutzanforderungen in Höhe von 326 512 Franken konnte geleistet werden. Und ganz zum Schluss weisen wir nach einem Ergebnis von 355 865 Franken bilanzmäßig wieder ein positives Eigenkapital in Höhe von 121 220 Franken auf. Was will denn der Schatzmeister eigentlich noch mehr?
Balance nur mit Hebung stiller Reserven
Ein zweiter Blick sieht sofort, dass das Goetheanum dieses erfreuliche Ergebnis ausschließlich einem Sonderereignis verdankt. Eine nicht planbare, besondere Schicksalskonstellation machte es möglich, eine Liegenschaft aus dem Besitz des Goetheanum in Dornach für seinen tatsächlichen Wert in Höhe von gut zwei Millionen Franken an den gemeinnützigen Gerard-und-Elisabeth-Wagner-Verein in Dornach (CH) zu übertragen, in dem die Rudolf-Steiner-Malschule (Caroline Chanter) beheimatet ist. Der Verein wiederum konnte diese käufliche Übernahme nur durch das überraschende Angebot einer großen Zuwendung von einer ehemaligen Schülerin von Gerard Wagner finanzieren.
Eine derartige Freisetzung einer ‹stillen Reserve› des Goetheanum durch den Verkauf einer Liegenschaft ist eine hohe Verantwortung und ein seltener Vorgang. Denn aus prinzipiellen Gründen gibt das Goetheanum weder eine seiner Liegenschaften auf den freien Markt noch entzieht es sich der Verantwortung für die organische Architektur in Dornach (unter anderem ‹Initiative Architekturpfad›). Und schließlich fehlen nach einem solchen Verkauf laufende Einnahmen von zuletzt beispiels-weise rund 50 000 Franken im Jahr – allerdings vermindert sich auch die teils erhebliche Sorge um Instandhaltung und Vermietung.
Grundfigur einer Einrichtung des Geisteslebens
Ohne solche Sonder-Ereignisse in fast allen der letzten Jahre – als da sind große unerwartete Einzelschenkungen, das eine oder andere größere Legat oder selten einmal eine solche Liegenschaftsübertragung – würde das Goetheanum seine betrieblichen Ausgaben, und das heißt in aller Regel Tätigkeiten und die Zahl der Mitarbeitenden um 10 bis 15 Prozent reduzieren müssen. Ein solches Szenario wäre ein herber Einschnitt! Das charakterisiert eine Art Grundfigur des Goetheanum als eine Einrichtung des Geistes- und Kulturlebens, dass rund ein Drittel aller jährlichen Einnahmen des Haushalts – Größenordnung: fünf Millionen Franken – im Voraus nicht gesichert oder planbar ist. Die voraussichtlichen Ausgaben können recht exakt budgetiert werden.
Bei den Einnahmen gibt es bei vielen Zahlen realistischerweise nur Mutmaßungen. Wie viele Menschen werden sich in diesem Jahr zu einer zusätzlichen Spende außerhalb ihres Mitgliedsbeitrages anregen lassen? Welche Stiftung wird sich zur Unterstützung eines der zahlreichen Projekte der Sektionen am Goetheanum entschließen? Und welche der vorbereiteten Tagungen oder welches Bühnenereignis zieht besonders viele Menschen an? All das lässt sich nicht annähernd sicher voraussagen, und dennoch gilt es gemeinsam, sich auf ein solches Unternehmen einzulassen.
Hier müssen die Künstlerinnen und Künstler der Goetheanum-Bühne wie die forschend und koordinierend in ihrem Fachgebiet tätigen Sektionsleitenden mutig und mit innerem Engagement für ihre Anliegen eintreten – und gleichzeitig unternehmerisches Geschick entwickeln, Menschen und Interessenten gewinnen und damit einen Geldstrom auslösen, der das Goetheanum als Hochschule letztendlich finanziell trägt.
Selten wird auch realistisch wahrgenommen, welch hoher Aufwand getrieben werden muss, bis eine technisch ‹spielfertige› Bühne vorhanden ist, auf der dann das Goetheanum-Eurythmie-Ensemble auftreten oder ein Gastspiel stattfinden kann. Ähnlich verhält es sich mit der Bau-Administration, dem Betriebsdienst, der Veranstaltungsplanung und dem Empfang, schließlich der Kommunikation, der Buchhaltung und dem Archiv – die alle notwendig sind, um Forschungsprojekte, Publikationen oder wissenschaftliche Kolloquien und schließlich große Kongresse zu veranstalten und rund 70 000 Besuchertage pro Jahr im Goetheanum abzuwickeln.
Arbeit an der Betriebsstruktur
Trotz dieser Gesamtsituation haben wir auch im letzten Jahr kräftig weiter an der Struktur der Finanzen des Goetheanum gearbeitet. So konnte 2019 der Zufluss von Geldmitteln für die Sektionen – unter anderem mit Hilfe der World Goetheanum Association (zusätzliche Projektmittel in Höhe von 186 133 Franken in deren erstem vollständigen Geschäftsjahr, siehe Details weiter unten) – von 2,5 Millionen auf 3,3 Millionen Franken kräftig gesteigert werden. Allerdings sind die Ausgaben ebenso gewachsen!
Wichtig war auch die seit 2018 neu zustande gekommene internationale Zusammenarbeit der Schatzmeister. Diese haben sich im November 2019 zum zweiten Mal in London getroffen und repräsentieren mehr als 80 Prozent der Mitglieder weltweit. Zum ersten Mal gibt es nun Richtlinien für die Beiträge und ihre Höhe, die gemeinsam mit den verantwortlichen Vorständen der Landesgesellschaften verabschiedet wurden. So konnte trotz leicht abnehmender Gesamtmitgliederzahl (durch die Entwicklung in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien) ein recht stabiles Ergebnis der Mitgliederbeiträge erzielt werden. Neben Deutschland, der Schweiz und Italien hat erstmals Großbritannien 2019 dank des dortigen Schatzmeisters den vollen Beitrag von 125 Franken für jedes seiner Mitglieder aufbringen können.
Guter Start der World Goetheanum Association
Auf gutem Wege befindet sich also die 2018 gegründete World Goetheanum Association (worldgoetheanum.org), deren Charta und Fondsreglement inzwischen 150 Partner/innen weltweit beigetreten sind. Inzwischen gibt es einen von der Partnerversammlung legitimierten Initiativkreis sowie einen gewählten internationalen Vertrauenskreis, der über die Verwendung finanzieller Mittel entscheidet. Alle Ausgaben der Association 2019 in Höhe von 424 965 Franken sind von den Partnern aufgebracht worden; davon konnten 377 434 Franken für Projekte und anthroposophische Initiativen in der Welt und am Goetheanum zugewendet werden.
Die Association unterhält seit 2018 eine Geschäftsstelle in Dornach und konnte im Februar 2020 mit Andrea Valdinoci auch einen Geschäftsführer für die weitere Entwicklung beauftragen. Für das Goetheanum ist bei diesem Vorgang besonders wichtig, dass hier die Zusammenarbeit und der Austausch mit Unternehmern und Institutionen stattfinden und es gemeinsame Ziele und Projekte gibt.
Dank für Engagement und Unterstützung
Sehr ‹schlank› sind wir weiterhin in Bezug auf die angestellte Mitarbeiterschaft unterwegs. Die für die Gehaltsaufwendungen möglichen Mittel in Höhe von fast elf Millionen Franken im Jahr 2016 sind auf unter zehn Millionen Franken 2019 gesenkt worden. Eine weitere Reduzierung ist kaum möglich, ohne dass bisher erbrachte Leistungen des Goetheanum wegfallen müssten.
All diese Bemühungen sollen mittelfristig zu einer Stabilisierung der finanziellen Situation und wirtschaftlichen Lage des Goetheanum und einem größeren Menschenkreis führen, der das Goetheanum mitträgt, weil er in seiner Tätigkeit etwas Berechtigtes sieht. Gleichzeitig wird die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihren Sektionen mehr und mehr bemüht sein, mit ihrer Tätigkeit und den Ergebnissen den tätigen Menschen in der Welt und den Lebensfeldern sinnvolle und hilfreiche Beiträge zu leisten. In diese Richtung sind wir in den letzten Jahren ein gutes Stück vorangekommen, auch wenn das finanzielle Wagnis Goetheanum Jahr für Jahr nur zusammen mit Ihrem Engagement und ihrer Unterstützung gelingen wird. Herzlichen Dank dafür!
Für die Bewältigung der Tausenden von Zahlungen und der damit zusammenhängenden Vorgänge danke ich besonders dem Leiter der Finanzabteilung, Oliver Conradt, sowie dem Team Sylvie Stürchler, Nanna Osmer und Ileana Toma.