Musik in der Natur
Seit 23. April spielt Christian Ginat donnerstags um 18.30 Uhr im Goetheanum-Gartenpark auf seiner Bratsche.
Sebastian Jüngel Was erleben Sie beim Spielen in der Natur?
Christian Ginat Zunächst habe ich nach einer unkomplizierten Möglichkeit gesucht, Musik zu spielen, denn ich habe Zeit zu üben (!), und ich möchte gegen die erzwungene Verbannung alles Kulturellen in die Einsamkeit einen wenn auch noch so kleinen Widerstand leisten. Durch Arbeiten von Hans-Christian Zehnter und Dirk Kruse hat sich mein Interesse an einem Gespräch der Kultur mit der Natur, der Musik mit der Landschaft gesteigert.
Geistoffenheit des Tones
Jüngel Die Töne dringen gut durch den Naturraum, fast deutlicher in einer Entfernung von vielleicht 20, 30 Metern als bei fünf Metern. Noch hinter dem Felsli war Ihre Bratsche zu hören. Woran mag das liegen?
Ginat Wenn ein Ort wie hier – halb durch Bauten und Straßen, halb durch Pflanzen und Bäume geprägt – einen so besonderen Klangraum bietet, entsteht für die Töne der Eindruck einer Belebung, einer Erlösung. Der Klang entsteht immer im Gespräch von Raum und Instrument, und in der ‹Stimmung› dieses akustischen Gesprächs webt die erahnte (Natur-)Geistigkeit mit. Daher auch Ihre Beobachtung, dass die Umgebung mitklingt.
Jüngel Sie spielen unter anderem Schlesinger-Skalen und Musik von Heiner Ruland sowie eigene Kompositionen. Für mich verbanden sich diese Musiken leichter mit dem natürlichen Umfeld als die stärker in sich geformte Komposition von Johann Sebastian Bach. Selbst das zufällige Rauschen des Windes in den Bäumen oder das nahe Vorbeisummen einer Hummel verbanden sich in mir zu einer Musik. Gibt es Musik, die für Naturräume, andere, die mehr für Kulturräume passt?
Ginat Im klassischen Musizieren erfährt man durch die Töne eine starke Selbstbestätigung. Das muss nicht zur Selbstsucht führen – die zum Beispiel Friedrich Nietzsche anprangert –, denn man kann sie der betreffenden Komposition zur Verfügung stellen. Aber immer wieder in neuerer Musik entsteht der Eindruck einer Geistoffenheit des Tones selbst. Das kann sehr verschiedene Formen annehmen: Ein befreundeter Komponist hat jahrelang nur ganz leise Töne ‹ausgehalten›. Andere – wie ich – lieben die feineren Nuancen der Intervalle, die die ‹Schlesinger-Skalen› in einer undogmatischen Verwendung bieten, und allgemein ist die Form der Komposition weniger fest gefügt.
Offen für Mitstreiter/innen
Jüngel Wie reagiert Ihr Instrument auf die jeweiligen Witterungsverhältnisse?
Ginat Ich spiele eine Eschen-Bratsche von Arthur Bay mit Stahlsaiten, diese sind relativ ‹robust›. Allein der Bogen mit Kollophonium reagiert auf jede Veränderung der Feuchtigkeit …
Jüngel Welche Beobachtungen haben Sie noch gemacht?
Ginat Ich habe diesen Anfang ‹Kultur am Teich› genannt und bin gespannt, welche Mitstreiter sich dazugesellen – ich würde mich über Erweiterung sehr freuen. Ich träume von ‹Treppenhauskonzerten› im Goetheanum!
Kontakt christian.ginat@gmail.com