Per Tablet dabei
An der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt nahmen Schülerinnen am Eurythmieunterricht teil – via Tablet. Jürgen Frank stellte sich dieser Erfahrung.
Es ist ein früher Novembermorgen, Montag 8 Uhr, verschobener Hauptunterricht in der 13. Klasse. Das Klassenbuch gezückt, bemerke ich, dass zwei Schüler/innen noch nicht anwesend sind. Und schon kommt eine junge Dame zur Tür herein, in ihrer Hand ein Tablet. Ob ich schon gehört hätte, dass N. N. wegen eines Corona-Falls in der Familie in Quarantäne sei? Wenn ich nichts dagegen hätte, dann würde diese aber trotzdem gern am Unterricht teilnehmen: via Tablet.
Ich nicke, leicht amüsiert. Gesagt, getan. Da ‹steht› sie also virtuell vor uns auf dem Bildschirm: gesund und munter. Nein, sie sei nicht krank, es sei ein Familienmitglied, aber sie sei nun gezwungen, 14 Tage zu Hause zu bleiben. Was irritiert mich mehr: dass ich in dieses private Zimmer schaue oder dass es die erste Oberstufenschülerin seit vielen vielen Wochen ist, die keine Maske trägt?
Von der Fensterbank aufs Klavier
Wir suchen einen Platz für das Tablet. Und dann wiederholen wir in Ruhe die verschiedenen Positionen unserer Anfangsübung ‹Ich denke die Rede›, die immer wieder neu ‹geputzt› werden müssen. Dazu stellen sich die Schüler/innen in Zweierteams gegenüber und korrigieren einander freundlich, aber deutlich gegenseitig – ein lang geübter Vorgang. Ich selbst stehe vor dem Tablet auf der Fensterbank und arbeite mit der Schülerin am Tablet. Ein zuerst einmal – vorsichtig gesagt – merkwürdiger Vorgang, der sich aber dadurch auflöst, dass sich die Schülerin ganz konzentriert und offen verhält.
Nach dieser Übung wird das Tablet, also gewissermaßen die Schülerin, auf das Klavier gestellt, damit sie für den folgenden Arbeitsteil einen besseren Blick auf das Unterrichtsgeschehen hat.
Wir beschäftigen uns in Form und Lautgestaltung mit einem Gedicht von Nelly Sachs. Ich gebe einen Großteil der Lautgestaltung der ersten Verse vor. Die Idee ist diesmal, dass ich den Anfang der Lautgestaltung vorgebe, die Schüler/innen gewissermaßen auf den Weg bringe und sie dann immer mehr in die Selbstständigkeit entlasse. Selbstverständlich darf das bloße Nachahmen der Bewegungen des Lehrers nur ein Teil des Ganzen sein, und die eigentliche Arbeit der Schüler/innen beginnt damit, diese Bewegungen innerlich zu füllen, dadurch im Äußeren zum Ausdruck zu bringen und vor allen Dingen in Selbstständigkeit zu handeln.
Ab und an wende ich den Blick zum Klavier und sehe meine Schülerin ganz hingegeben die Laute mitmachen.
Am Ende der Stunde verabschieden wir uns gemeinsam von ihr und wünschen ihr, dass sie bald wieder zu uns in die Schule kommen kann.
So ging es dann die nächsten drei Stunden, und alles wurde immer selbstverständlicher. Es war schon erstaunlich, wie schnell man sich an solche Situationen anpassen kann, ja diese als ‹normal› annimmt.
Einfügen in die Gruppenchoreografie
Aber es kam noch besser, denn eine zweite Schülerin musste in häuslicher Quarantäne verbleiben. Auch sie wurde zugeschaltet. Nun standen schon zwei Tablets auf dem Klavier – und mit ihnen nahmen zwei junge Frauen von zu Hause aus intensiv am Unterricht teil.
An diesem Abend malte ich mir einen Albtraum aus: Ich stand in meinem Eurythmieraum, um mich herum verschiedene Bildschirme mit meinen zugeschalteten Schüler/inne/n. Gruselig! Dass ich in diesem Traum keine Maske tragen musste und auf das Stoßlüften verzichten konnte, war immerhin ein kleiner Trost …
Das Erstaunliche war, dass beide Schülerinnen nach ihrer Rückkehr in den Präsenzunterricht all die Gebärden, die wir in dieser Zeit geübt hatten, beherrschten. Ja noch mehr: Sie konnten sich auch ohne Weiteres in die weitergearbeiteten Formen dieser Choreografie für 15 Schüler einfügen.
Quelle ‹Auftakt› Nr. 1/2021 (bearbeitet)
Web Steinerschule Bergstedt