Schulbesuch statt Kinderehe

Schulbesuch statt Kinderehe

02 Februar 2021 Jean Pierre Ablard 19 mal gesehen

Seit 2016 bietet die Waldorfschule Darbari rund 40 Schüler/inne/n aus der Kaste der Unberührbaren im Alter zwischen 5 und 17 Jahren in vier Mehrjahrgangsklassen die Möglichkeit einer schulischen Bildung. Der Gründungslehrer Jacques Monteaux war zuvor 40 Jahre lang Waldorflehrer in Frankreich.


Jean Pierre Ablard Was ist Ihr persönlicher Hintergrund?

Jacques Monteaux
2013 habe ich – auch dank der Unterstützung der Freunde der Erziehungskunst – ein Projekt begonnen, das mir schon lange am Herzen lag: Kindern aus einer der ärmsten und am meisten ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen Indiens, den Dalits oder Unberührbaren, zu ermöglichen, von der Waldorfpädagogik zu profitieren. Eine meiner ehemaligen Schülerinnen lebte dort und hatte die Vorarbeit geleistet …

Würde und Freiheit

Ablard Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Monteaux
Dieses Projekt liegt in der Wüste Thar in Rajasthan. Die Umgebung ist rau: Die Wüste Thar erstreckt sich über 200 000 Quadratkilometer in Rajasthan und dem benachbarten Pakistan. Es ist eine Steinwüste mit sehr spärlicher Vegetation und großer Hitze. Zwischen Mai und Juli wird es hier mehr als 50 Grad Celsius heiß. Diese karge, sengende, einfache Umgebung, gepaart mit Armut, trägt zum herben Charakter der Bhils, unserer Zielgruppe, bei. Dieser uralte Stamm, der nun sesshaft geworden ist, bewahrt eine archaische Verbindung zur Spiritualität, eine einfache Religiosität, die weit von der Komplexität des Hinduismus entfernt ist. Doch der fatalistische Glaube an ein karmisches Gesetz, die Verachtung höherer Kasten im Namen des Hinduismus und das Elend erzeugen eine Haltung der Resignation.

Ablard
Was bedeutet das für die Kinder?

Monteaux
Diese abgelegene Region hat eine Analphabetenrate von 70 Prozent. Die Kinder sind nur wenig beschult: Fünf Prozent von ihnen schließen ihre Schulausbildung ab. Für Mädchen ab 13 Jahren ist Schule die einzige Alternative zu einer arrangierten Ehe.

Ablard
Was möchte die Schule erreichen?

Monteaux
Sie möchte anstoßen, dass dieser Bevölkerung ihre Würde zurückgegeben wird, und sie möchte sie in Richtung Freiheit begleiten.

Entwicklung des Individuums

Ablard Haben Sie Erfolg?

Monteaux
Eltern widerstehen mehr und mehr dem Druck ihrer Familien und Traditionen und erlauben ihren Töchtern, die Schule bis zum Ende zu besuchen, ohne vorher zu heiraten! Kinder lieben die Schule. Die lokalen und nationalen Behörden erkennen das an: 2019 erhielt ich die Auszeichnung für die beste Bildungsinitiative im ländlichen Raum.

Ich lebe dort acht Monate im Jahr und bilde vier junge indische Lehrer/innen aus. Unser Team wird im Sprachunterricht von jungen deutschen und französischen Freiwilligen unterstützt. Diese Vielfalt führt dazu, dass wir mehrere Sprachen sprechen: Marwali (den lokalen Dialekt), Hindi, Englisch und Französisch. Ich denke, wir stehen unter einem guten Stern.

Schulteam zum Abschied von vier 17-Jährigen (vorn) mit Jacques Monteaux (Zweiter von rechts), Archivfoto: Manohar Kumari



Ablard
Sicherlich gibt es auch Rückschläge?

Monteaux
Wir konnten nicht verhindern, dass zwei Mädchen im Teenageralter verheiratet und der Schule entzogen worden sind. Es braucht Zeit, bis sich diese traditionellen Praktiken ändern. Diese Misserfolge lehren uns Demut und Durchhaltevermögen.


Ablard
Hat die Pandemie die Wüste Thar erreicht?

Monteaux
Sie hat Indien insgesamt seit letztem Frühjahr mit exponenziellen Fallzahlen getroffen. Die Schulen sind seit März 2020 geschlossen – eine katastrophale Situation für Kinder aus armen und bildungsschwachen Familien. Die Pandemie löst eine Kehrtwende in alte Gewohnheiten aus: Viele Familien schicken ihre Kinder zur Arbeit, obwohl das gesetzlich verboten ist. Auch die Zahl der Kinderehen nimmt zu, vor allem in ländlichen und armen Gebieten.

Ablard
Hat der Westen nicht eine Art Verpflichtung gegenüber Indien?

Monteaux
Indien, eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit, war für den Westen schon immer eine Quelle der spirituellen Inspiration als Antwort auf eine Sehnsucht der menschlichen Seele. So haben wir Yoga, Meditation, Ayurveda und anderes übernommen. Doch das moderne Indien hat einen anderen Weg eingeschlagen. Rationalismus und Materialismus spielen eine immer größere Rolle und verweisen die Religiosität oft in rein traditionalistische Formen, die eher empfunden als bewusst gelebt werden.

Ablard
Was kann hier die Waldorfpädagogik beitragen?

Monteaux
Das Interesse und die Aufgeschlossenheit bestimmter indischer Kreise für die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik sind darauf zurückzuführen, dass dieser Ansatz anregt, individuelles Bewusstsein, Freiheit und Spiritualität zu verbinden. In einer sehr traditionellen Gesellschaft, die von einem Kastensystem bestimmt wird, ist diese Entwicklung unerlässlich. Wir sind es dem heutigen Indien schuldig, aus der Quelle der anthroposophischen Menschenkunde zur Entwicklung des Individuums als einzigartigem Wesen beizutragen, unabhängig von Kaste, Geschlecht, sozialem Status oder Religion!


Aus dem Französischen von Sebastian Jüngel.

Web: Facebook Darbari Waldorf School