Studien zu den Stunden der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Die Forschungsarbeiten in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum beschäftigen sich gegenwärtig – soweit sie auf den Schulungslehrgang der Ersten Klasse der Michael-Schule bezogen sind – hauptsächlich mit vier großen Themen- und Fragenkomplexen.
Diese betreffen: 1. Das nähere Verständnis der Intentionen, die Rudolf Steiner mit der Einrichtung der Ersten Klasse verband. 2. Die von Rudolf Steiner selbst gehaltenen Stunden in Stil und Form, Komposition und mantrischem Gehalt. 3. Ita Wegmans Weiterarbeit mit den Klassenstunden nach dem Tod Rudolf Steiners. 4. Die Beziehung der Klassenstunden zur allgemeinen Anthroposophie, zu den Karma-Vorträgen und Leitsätzen.
Die Intentionen der Ersten Klasse der Michael-Schule
Wie die Durcharbeitung der Dokumente zeigt, begann Rudolf Steiner die Klassenstunden drei Wochen später als ursprünglich beabsichtigt, weil seine Intentionen bis dahin nicht richtig verstanden worden waren.[1] Es ging ihm nicht um esoterische Stunden für speziell Interessierte – oder gar spirituell ‹Fortgeschrittene› –, sondern um eine Verantwortungsgemeinschaft für die wirksame Anthroposophie, eine Schule für ihre ‹Repräsentanz›, einen Lehrgang zur Verantwortungsübernahme durch innere Schulung. Als notwendige Voraussetzungen der Hochschulmitgliedschaft definierte Rudolf Steiner eine hinreichende Kenntnis der Anthroposophie, eine Bejahung – durch Mitgliedschaft – der Anthroposophischen Gesellschaft als Trägerin der Hochschule und eine persönliche Entscheidung zur ‹Repräsentanz›.
Die Klassenstunden für Hochschulmitglieder waren alles andere als ‹geheim›. Sie fanden vielmehr bei allen großen Veranstaltungen der Anthroposophischen Gesellschaft nach der Weihnachtstagung 1923/24 statt, wurden in den Programmen angekündigt und als solche ausgewiesen. Über sie wurde auch im Nachrichtenblatt der Anthroposophischen Gesellschaft von Rudolf Steiner berichtet.
Die Hochschulmitgliedschaft war keineswegs rein ‹privater› Natur, sondern hatte auch mit dem beruflichen Einsatz für das Wirksamwerden der Anthroposophie in den verschiedenen Lebensfeldern zu tun. Rudolf Steiner legte den Lehrerinnen und Lehrern der Stuttgarter Waldorfschule (Deutschland) – als faktischen Repräsentanten der Anthroposophie im pädagogischen Bereich – die Hochschulmitgliedschaft nahe; im Lauf des Jahres 1924 wurden auch alle Priester der Christengemeinschaft und die Gesamtheit der ‹jungen Mediziner› Hochschulmitglieder, darüber hinaus die Künstlerinnen und Künstler am Goetheanum und an anderen Orten, alle leitenden Heilpädagogen und viele der Menschen, die den Koberwitzer Kurs über eine neue Landwirtschaft der lebendigen Erde gehört hatten.
Diese Zusammenhänge wurden in den letzten Jahren in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum in verschiedenen Publikationen aufgearbeitet und in ihrer aktuellen Bedeutung ans Licht gestellt.[2] Auch die Goetheanum-Hochschultagung im November 2026 mit allen Klassenstunden in deutscher, englischer, spanischer und französischen Sprache ist dieser Orientierung verpflichtet.[3] Weitere Studien zur Beziehung der Fachsektionen zu den Klassenstunden werden folgen – und im Hochschul-Rundbrief publiziert, der von der Allgemeinen Sektion für die Goetheanum-Leitung zweimal jährlich (in fünf Sprachen) herausgegeben wird.[4]
Rudolf Steiner hält Klassenstunden
Die von Rudolf Steiner gehaltenen Klassenstunden waren eine neue Form der esoterischen Lehrunterweisung, auch wenn es bereits ab 1904 eine ‹Esoterische Schule› in der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft unter seiner Leitung gegeben hatte. Die Art und Weise, wie er die Klassenstunden hielt, wird gegenwärtig in der Sektion intensiv studiert und kann als Urbild der heute und in Zukunft zu gestaltenden Stunden begriffen werden.
Rudolf Steiner las keine Messe. Die von ihm gehaltenen Stunden waren Lehr-Stunden in Geistesgegenwart und im Atem der Freiheit, unter Einschluss von Wandtafeln, die er im Stunden-Vollzug beschrieb und bemalte. Rudolf Steiner entwickelte keineswegs nur hinleitende Worte zum mantrischen Kern der Unterweisung, sondern eine neue Gestalt gelebter und gelehrter Spiritualität. Die Stunden waren wesenhaft, sie waren ein Geschehen mit einem tiefen Erlebnisgehalt für alle Teilnehmenden. Der Chor der geistigen Hierarchien, aber auch die Worte des ‹Hüters der Schwelle› und des angerufenen Menschen erklangen – in einem gemeinsamen, ‹michaelischen› Raum, der alle Teilnehmenden verband.
Die laufenden Studienarbeiten gehen dahin, diese besondere Gestaltung Rudolf Steiners in ihrem Vorbildcharakter deutlicher herauszuarbeiten.
1992 veröffentlichte die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung alle erhaltenen Manuskriptvorstufen der Mantren; diese ernst zu nehmen und sich näher in die Prozessgestalt des werdenden mantrischen Wortes ideell und meditativ einzuleben, ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Die stenografierten Mitschriften geben die gewordene Gestalt der Klassenstunden wieder; sie im Prozess des Werdens zu erleben, kann zu einer wesentlichen Hilfe für den geistesgegenwärtigen und zukunftsoffenen Umgang mit dem Geistesgut werden.[5]
Die Weiterarbeit Ita Wegmans
Obwohl Ita Wegman in allen Klassenstunden vom September 1924 in ihrer Mitverantwortung für die Stunden und ihren mantrischen Kern namentlich von Rudolf Steiner genannt wurde, blieb ihre besondere Aufgabe im Zusammenhang der «esoterischen Schule des Goetheanums», so Rudolf Steiner[6], über viele Jahrzehnte unthematisiert. Auch war wenig oder nichts darüber bekannt, wie sie die Stunden nach Rudolf Steiners Tod in ihrer Mitverantwortung für die Erste Klasse fortzuführen versuchte – keinesfalls nur in Dornach, Schweiz, sondern bereits 1925 auch in europäischen Hauptstädten wie Paris (Frankreich), Den Haag (Niederlande), Wien (Österreich), Prag (Tschechoslowakei) und London (Großbritannien) sowie in verschiedenen Großstädten Deutschlands.
Zum 150. Geburtstag Ita Wegmans am 22. Februar 2026 wurden ihre diesbezüglichen Aktivitäten und die sie leitenden Motive im Rahmen der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion / Ita-Wegman-Institut erstmals detailliert aufgearbeitet und publiziert[7], darunter auch ihre Zusammenarbeit mit regionalen Klassenvermittlern, deren Arbeit bereits zu Lebzeiten Rudolf Steiners mit dessen Unterstützung begonnen hatte.[8]
Ita Wegmans Initiative für die Fortführung der Klassenarbeit nach dem 30. März 1925 ist wichtig, auch im Hinblick auf die fachliche Arbeit in verschiedenen Berufsfeldern. Sie setzte sich dafür ein, dass Rudolf Steiners Intentionen in den beruflichen Arbeitsgemeinschaften weiterlebten, insbesondere in den Bereichen der Medizin, der Heilpädagogik und der Pädagogik. Die sich spirituell fundierenden Gemeinschaften gingen schwierigen äußeren Situationen entgegen, die ihnen spätestens in der NS-Zeit alles abverlangen sollten. Rudolf Steiner hatte oft auf diese kommenden Herausforderungen hingewiesen; die geistig-seelische Auseinandersetzung mit den Kräften des Bösen spielt eine große Rolle in den Klassenstunden.[9]
Am 12. Februar 1933 schrieb der Heilpädagoge Werner Pache aus dem Institut Schloss Hamborn (Deutschland) an Ita Wegman: «Wir möchten Sie noch einmal bitten, dass Sie es doch einrichten möchten, auf der Rückreise von England über Hamborn zu kommen, um hier eine Klassenstunde zu geben. Als ich vorgestern Abend auf dem Wittenbergplatz in Berlin stand, wo wie an vielen öffentlichen andern Plätzen die Rede Hitlers durch Lautsprecher tönte und die Macht Ahrimans sich fast überschlug, hatte ich auf einmal ein ganz zuversichtlich ruhiges Gefühl, das so stark war, dass ich mit einem Male dem Banne dieser bösen Gewalt entrückt war. Ein Gefühl, dass unsere Sache nicht untergehen wird.»[10]
Klassenstunden und allgemeine Anthroposophie
Die Stunden der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft bilden ein herausragendes Geistesgut, das in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten sehr wahrscheinlich weiter an Verbreitung gewinnen wird. Deutlich ist, dass die gesamte Anthroposophie in gewisser Weise in sie einfloss oder in ihnen kulminierte. Von daher sind eine Vielzahl von Studien notwendig, die den allgemein-anthroposophischen Ideenraum der Klassenstunden motivisch näher aufarbeiten, eine Forschungsrichtung, die erst im 21. Jahrhundert an Eigenständigkeit und Dynamik gewann.[11] Die vorhandenen Arbeitsansätze müssen im Dialog mit dem Gesamtwerk Rudolf Steiners in den nächsten Jahren vertieft und weitergeführt werden.
In der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum arbeiten wir gegenwärtig in einem über drei Jahre konzipierten Schritt unter anderem an den Konvergenzen der Klassenstunden, der Karma-Vorträge und der Leitsatz-Niederschriften Rudolf Steiners, das heißt an dem großen Dreiklang seiner allgemein-anthroposophischen Beiträge und Impulse nach der Weihnachtstagung 1923/24. Den Intentionen und dem Aufbau der Leitsätze Rudolf Steiners wurde in einer bilingualen (deutsch-englischen) Sonderausgabe der Sektion nachgegangen, die zum 100. Todestag Rudolf Steiners in einer Studienausgabe dreier international tätiger anthroposophischer Verlage erschien. Für den Korpus der Karma-Vorträge streben wir perspektivisch eine Sonderausgabe in einem umfangreichen, chronologisch aufgebauten Studienband an, in dessen Anmerkungs- und Kommentarteil auch die zeitgleich gehaltenen Klassenstunden (in ihren thematischen Motiven) und die Leitsätze Berücksichtigung finden sollen.
Auf diese Weise versucht die Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion, einigen der von Rudolf Steiner gestellten Aufgaben in Zusammenarbeit mit vielen Hochschulmitgliedern nachzukommen. Die schriftlichen Ausarbeitungen sind eine originäre Aufgabe der Hochschule, jedoch kein Selbstzweck. Der Sinn der Schriften liegt vielmehr darin, die von der Michael-Schule – als gemeinsamem spirituellen Kern aller Fachsektionen – ermöglichten Entwicklungsprozesse zu fördern und der Arbeit in unterschiedlichen Bereichen zugutekommen zu lassen.
Fußnoten
1 Vgl. Constanza Kaliks / Peter Selg (Hg.): Die 19 Klassenstunden. Studien zu Intention, Komposition, Mantren, 2025, S. 56ff.
2 Unter anderem Peter Selg: Die anthroposophische Weltgesellschaft und ihre Hochschule, 2023
3 Allgemeine Anthroposophische Sektion
4 Kostenloser Rundbrief-Bezug über: schoolmembership@goetheanum.ch
5 Peter Selg: Rudolf Steiner hält Klassenstunden. Vom Werden des mantrischen Wortes. Aufsätze zur Ersten Klasse (in Druck)
6 Rudolf Steiner: Esoterische Unterweisungen für die Erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum (GA 270), 2020, S. 282
7 Peter Selg: Die Zukunft der Hochschule. Briefe und Aufsätze Ita Wegmans, April – Dezember 1925, 2026
8 Johannes Kiersch: Die Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Erste Klasse, 2005, S. 91ff.
9 Peter Selg: Die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Zur Schulung der ‹Ersten Klasse›, 2020
10 Ita-Wegman-Archiv, Arlesheim (Schweiz)
11 Vgl. unter anderem Peter Selg: Rudolf Steiner und die freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Begründung der ‹Ersten Klasse› 2008; Sergej O. Prokofieff: Die Erste Klasse der Michael-Schule und ihre christologischen Grundlagen, 2009; Peter Selg: Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und die Michael-Schule, 2014; Sergej O. Prokofieff: Der esoterische Weg durch die neunzehn Klassenstunden im Lichte des übersinnlichen Mysteriums von Golgatha und des Fünften Evangeliums, 2014