Ursula Jepsen
Der Alltag schreibt Geschichte. Im Nachlass von Ursula Jepsen fand sich ein Tauffoto mit ihrer Tochter und ihrem Sohn, rechts von ihnen Anna Samweber, einstmals Assistentin Rudolf Steiners in Berlin (DE).
Gouvernante am Königshof
In Dresden (DE) 1927 in die Familie Wackwitz geboren, wuchs Ursula mit drei älteren Brüdern in Jena (DE) auf, wo ihr Vater Stadtarchitekt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg lernte sie Kinderkrankenschwester am Ibrahim-Krankenhaus. Von dort führte ihr Weg an einen Hof von König Faruk in Ägypten, wo sie zwei Kinder betreute.
Die schon in Jena begonnene Liebe zu Ulrich Gutsch führte letztlich zum vorzeitigen Ende ihrer Zeit in Ägypten und zu einem Umzug nach Ostberlin (DE), wo sie heirateten. Sie war seine Assistentin in der einzigen anthroposophischen Arztpraxis in der DDR und bestellte Heilpflanzenbeete zwischen den Ruinen. Der gemeinsame Sohn kam zur Welt. In diesem Umfeld lernte sie Anthroposophie und Christengemeinschaft kennen.
Nachdem ihr Mann eine neue Familie gründete, ging auch Ursula Gutsch eine neue Beziehung ein – die Tochter wurde geboren; ihre Bekannte Anna Samweber wohnte der bereits erwähnten Taufe bei.
Um Geld zu verdienen, betreute Ursula Gutsch Tageskinder in ihrer Wohnung. Diese Tätigkeit griff sie in Jena wieder auf, wo sie mittlerweile ihre Mutter gepflegt hatte. Um Neuaufnahmen musste sie sich nicht sorgen – ihre Arbeit war nicht zuletzt bei Künstler/inne/n geschätzt, die ihre Kinder in private statt sozialistische Obhut geben wollten. Sie bezog Elemente der Waldorfpädagogik mit ein und blieb der Christengemeinschaft verbunden, unter deren Dach zu Zeiten der DDR eine breit gefächerte anthroposophische Arbeit stattfand (‹Goetheanum› Nr. 44/2009).
Bald nach der Vereinigung Deutschlands heiratete sie mit 65 Jahren noch einmal. Nun wurde manche Reise gemacht: von der Nordsee über das Goetheanum bis in die USA, wo ihre Tochter als Eurythmistin in Spring Valley tätig war. Mit ihrem etwa gleichaltrigen Mann erlebte sie die silberne Hochzeit.
Verbunden mit der Natur
Ursula Jepsen spielte seit Kindheitstagen Geige, malte in Berlin mit Wasserfarben, sang in Chören und besuchte – nicht zuletzt mit ihrer jugendlichen Tochter – Opernaufführungen sowie Konzerte, bis zuletzt. Darüber hinaus schätzte und schützte sie im Garten jeden Keimling. Sie kochte Spinat aus Brennnesselblättern und sammelte zur Stärkung der Gesundheit die Samen etwa als Gewürz für Salat. Ökologisch war sie ihrer Zeit voraus: So fing sie das Spülwasser der Waschmaschine auf und nutzte es für die Toilettenspülung; vieles fand noch eine weitere Verwendung, etwa wurden die Umhüllungen der Zeitschrift ‹Das Goetheanum› im Haushalt eingesetzt.
Bis zu ihrem Tod war Ursula Jepsen aktiv, wach und temperamentvoll. Für ihre knapp einstündigen Fußwege zur Kirche der Christengemeinschaft wurde die zuletzt 93-Jährige rundum bewundert.