Wahrheitsfindung und Willensbildung
Wenn über Themen wie Impfen, Klimawandel, Homöopathie, Glyphosat oder Covid-19 gestritten wird, werden immer wieder zwei Perspektiven vermischt – die von Wissenschaft und Politik. Dabei gilt es, ihre unterschiedlichen Grundlagen als Voraussetzung ihres fruchtbaren Zusammenspiels zu würdigen.
Wer aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse Impfungen oder Klimaschutz erzwingen beziehungsweise Homöopathieerstattung oder Glyphosatausbringung verbieten will, bedient sich eines politischen Taschenspielertricks. Er beruft sich auf die Wissenschaft, deren vermeintlich eindeutigen Erkenntnisse er als gleichbedeutend mit politischen Forderungen ansieht und infolgedessen mir nichts, dir nichts umsetzen will. Werden Wissenschaft und Politik auf diese Weise in einen Topf geworfen, ist sowohl das wissenschaftliche als auch das politische Geschäft verdorben.
Wissenschaft ist darauf angewiesen, der Wahrheitsfindung dienen zu können. Wer sie stattdessen zur Mehrheitsfindung missbraucht, sägt unweigerlich am Baum der Erkenntnis. Damit dieser wachsen und gedeihen kann, müssen Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre – wie es im deutschen Grundgesetz so schön heißt – frei sein.
Relevanz und Legitimität
Das heißt allerdings nicht nur, dass die Suche nach dem besten Argument sowie die ständige Bereitschaft zur Fehlerkorrektur frei von politischer Einflussnahme vonstattengehen müssen, sondern ebenfalls, dass der jeweilige Stand der Forschung, so eindeutig er sich auch ausnehmen mag, niemals politische Entscheidungen vorwegnimmt. Dass beispielsweise menschengemachter Kohlendioxid-Ausstoß gemäß breitem Klimaforscherkonsens die Aufheizung des Planeten vorantreibt, ist das eine. Was daraus jedoch politisch folgt, ist keinerlei alternativloser Zwangsläufigkeit unterworfen und nicht akademisch, sondern demokratisch zu entscheiden.
Womit wir bei der Aufgabe der Politik wären. Sie besteht gerade nicht in der Wahrheitsfindung, sondern in der Willensbildung. In einer freien Gesellschaft gleicher Bürger/innen ermöglicht sie die andauernde Abstimmung öffentlicher Anliegen. Wer diese Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit den anderen scheut und stattdessen lieber Einsichten aus dem Elfenbeinturm als höherstehende Gebote ausgibt, verweigert sich letztlich der Politik und beschädigt die Demokratie.
Die Popularität derartiger Politikverhunzung und Wissenschaftsverstümmelung hängt nicht zuletzt mit zwei akuten Problemen zusammen: dem Relevanzdefizit der Wissenschaft sowie dem Legitimationsdefizit der Politik.
Freiheit und Erkenntnis
Der drittmittelgetriebene ‹homo academicus› erhofft sich mittels Politisierung seines Spezialwissens ungeahnte Relevanzressourcen zu erschließen. Nicht anders das postdemokratische ‹zoon politikon›, das seine Forderungen als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen verkauft – in der Hoffnung, vom Objektivitätsanspruch der Wissenschaft subjektiv zu profitieren.
Tragisch ist dies insofern, als es auch den Blick darauf verstellt, wie Wissenschaft und Politik eigentlich zusammenhängen. Beide, Wissenschaft und Politik, leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren können: Die Wahrheitsfindung der Wissenschaft bedarf politischer Freiheit ebenso wie die politische Willensbildung wissenschaftlicher Erkenntnis. Wahrheitsfindung ohne Freiheit endet in Ideologie; Willensbildung ohne Erkenntnis in Willkürherrschaft. Freie Wahrheitsfindung und aufgeklärte Willensbildung sind Grundpfeiler offener Gesellschaften.
Dieser Beitrag erschien im ‹Goetheanum› Nr. 21/2020 und ist das – für ‹Anthroposophie weltweit› bearbeitete – Nachwort des Buches ‹Ich schaue in die Welt. Einsichten und Aussichten› von Philip Kovce, Verlag am Goetheanum, 2020.