Zwischen Anpassung, Kollaboration und Widerstand

Zwischen Anpassung, Kollaboration und Widerstand

23 Oktober 2026 Matthias Mochner 16 mal gesehen

Dokumente aus über 300 internationalen, nationalen und regionalen Archiven, Privatnachlässen sowie Firmen- und Institutsarchiven ermöglichen eine differenzierte Neubewertung der Geschichte der Anthroposophischen Medizin, Pharmazie, Heilpädagogik und Psychiatrie zwischen 1933 und 1945. Das Handeln ihrer Protagonisten war individuell und umfasste das gesamte Spektrum zwischen Anpassung, Kollaboration und Widerstand  – in aktiver wie passiver Form. 


Im Kontext der anthroposophischen Ärzteschaft (über 631 Personen), der Heilpädagogenschaft (rund 300 Personen) und der von diesen Betreuten (über 800 Personen) sowie der Patientenschaft des Sanatoriums Wiesneck (1500 Patientenakten) fallen unter anderem ins Auge: Ita Wegmans frühe Erkenntnis der totalitären Gefährdung, Friedrich Husemanns Wiesnecker Sanatoriumsgemeinschaft in ihrem Einsatz gegen Zwangssterilisationen und mögliche Deportationen, konspirative Tätigkeiten der heilpädagogischen Heime zum Schutz der bedrohten Kinder und Jugendlichen sowie – in allen Arbeitsfeldern – die konsequente Hilfe für jüdische Kolleginnen und Kollegen. Weniger als 15 Prozent der anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte waren Mitglieder der NSDAP – für die übrige deutsche Ärzteschaft liegt der Anteil bei über 40 Prozent. Kurzbiografien aus der anthroposophischen Ärzte- und Heilpädagogenschaft mit jüdischem Hintergrund dokumentieren bisher unbekannte Fluchtschicksale und Helfernetzwerke.

Trotz ihrer kategorischen Ablehnung der Anthroposophie protegierten führende Nationalsozialisten wie Otto Ohlendorf, Rudolf Hess, Alfred Baeumler oder Wilhelm Canaris aus unterschiedlichen Motiven anthroposophische Institutionen. Sie setzten sich für deren Weiterarbeit ein, weil sie deren Arbeitsmethoden in verschiedenen Lebensfeldern für den nationalsozialistischen Staat unter Abtrennung von der Anthroposophie nutzen wollten – oder beispielsweise eigene Kinder oder Verwandte in anthroposophisch orientierten Fördereinrichtungen gut aufgehoben wussten. Ohne diesen ‹Schutz› hätten anthroposophische Institutionen wie das psychiatrische Sanatorium Wiesneck bei Freiburg im Breisgau, Deutschland, und die am Kriegsende noch arbeitenden drei (von ursprünglich sieben) anthroposophisch-heilpädagogischen Heime den Nationalsozialismus nicht überstanden.

Die anthroposophische Arzneimittelfirma Weleda und der anthroposophische Pharmazeut Rudolf Hauschka (Wala) konnten ungeachtet vieler Restriktionen und Eingriffe in ihre Unternehmen bis Kriegsende weiterarbeiten – auch sie gingen dafür zahlreiche Kompromisse und Anpassungen ein, hielten die anthroposophische Identität und Qualität ihrer Arbeit jedoch aufrecht.

Die Studie ‹Anthroposophische Medizin im Nationalsozialismus› wurde von der Akademie der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland 2014 in Auftrag gegeben. Begleitet wurde die Studie von einem wissenschaftlichen Beirat mit den NS-Medizinhistorikern Thomas Beddies und Heinz-Peter Schmiedebach vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité Berlin, Deutschland. Finanziert haben die Arbeit die Mahle-Stiftung, die Software-AG-Stiftung, die Christophorus-Stiftung, die Hauschka-Stiftung und der Rudolf-Steiner-Fonds für wissenschaftliche Forschung (alle Deutschland) und der internationale Freundeskreis des Ita-Wegman-Instituts, Arlesheim, Schweiz.

Autoren der Studie sind Peter Selg, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Professor für medizinische Anthropologie und Ethik, Leiter des Ita-Wegman-Instituts und Co-Leiter der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum, die Historikerin Susanne H. Gross mit Schwerpunkt jüdische Opfer des Nationalsozialismus sowie der Historiker und freie Journalist Matthias Mochner.


Peter Selg, Susanne H. Gross und Matthias Mochner: Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik im Nationalsozialismus 1933–1945, Schwabe-Verlag, Basel. Band 1 Die anthroposophische Ärzteschaft, 2024 Band 2 Weleda und Wala – die anthroposophischen Arzneimittelfirmen 1933–1945, 2025 Band 3 Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945, 2026