Das Real-Lebendige nimmt einen mit

Das Real-Lebendige nimmt einen mit

24 Februar 2021 Laura Rojas Palacio 15 mal gesehen

Mit der Aufforderung, sich in der Corona-Pandemie allenfalls mit Abstand zu begegnen, traten digitale Medien als ‹Erlöser› auf: Unterricht, Besprechungen, Vorträge und Aufführungen finden seither vielfach online statt. Diese Begegnungen wirken fast real – es gilt, die Qualität des Lebendigen und des Leblosen zu erfassen und wahrnehmen zu lernen.


Im Digitalen wird ein Sachverhalt wie Ton (Musik), Laut (Sprache) oder Farbe (Bild) in Zahlen dargestellt. Durch diese Abstraktion entsteht ein ‹Datenpaket›, das wiederum am Bildschirm angezeigt, über einen Lautsprecher ertönen oder übers Internet übertragen werden kann.

Das am Monitor erscheinende Einzelbild setzt sich aus vielen Minibildpunkten (Pixeln) zusammen; der menschliche Sehsinn fügt die Folge von Einzelbildern im Film als flüssige Bewegung zusammen, eigentlich eine Illusion von Bewegung. Das Auge ist das aktivste menschliche Sinnesorgan, am Bildschirm aber wird es physiologisch passiv, arbeitslos.

Auch beim Lautsprecher haben wir es mit einer Zerlegung – hier des Schwingungsgeschehens – in Einzelkomponenten zu tun, deren Zusammenfügung unser Ohr als Gesamtheit wahrzunehmen glaubt. Obwohl die Technik weit fortgeschritten ist, können die technischen Geräte keinen luftigen, warmen Klang erzeugen; Menschen mit sensiblem Ohr nehmen diese zerstückelte Qualität wahr.

Stark und strahlend, aber ohne Umkreis

Die kosmischen Kräfte strahlen zum Erdenmittelpunkt hin, dadurch bildet sich ein Umkreis. Alles Lebendige nimmt an diesem ätherischen Umkreis teil. In diesem Sinne hat das Lebendige einen Umkreis, das Leblose nicht.

Der physische Leib des Menschen wird in der Eurythmie Werkzeug des Ätherischen und macht die unsichtbaren Bewegungen, die den Ätherleib beispielsweise in Sprache und Musik schwingen lassen, sichtbar. So kann die Eurythmie auf einen kranken Organismus heilend wirken, indem sie ihn zu seiner ursprünglichen Gesetzmäßigkeit führt. Auch eine verfeinerte Wahrnehmung des eigenen Selbst, des Mitmenschen und des Miteinanders kann heilend auf die Gesellschaft wirken.

Bei einem Versuch wurden eurythmische Übungen einmal auf der Bühne gezeigt, dann auf eine Leinwand projiziert. Dort erscheinen die Farben stark und strahlend, wodurch die Konturen deutlich heraustreten. Erlebbar ist aber auch, dass man nicht mitgenommen wird. Die Aufmerksamkeit ist ganz auf den vorderen Raum gerichtet, man verbleibt in seinem eigenen Raum, es gibt kein Gegenüber, die Übertragung erzeugt keinen Umkreis. Die über Lautsprecher ertönende Musik weckt in einem wunderbare Gefühle, aber auch hier fehlt der Eindruck eines Umkreises. So wirkt als das Digital-Virtuelle zentrierend, saugend, zusammenziehend. Das Real-Lebendige hingegen nimmt einen mit – es ist in einem gemeinsamen Umkreis, in dem Wärme wirkt, und der hintere Raum ist angesprochen. Damit nimmt man nicht nur wahr, was gemacht wird, sondern auch, was dadurch in den Raum, ja in die Welt gebracht wird.

Umgang mit dem Ätherischen lernen

Ein Roboter kann keine Eurythmie machen, denn er kann keinen Umkreis erzeugen – er nimmt nicht teil am Ätherischen. Die Fähigkeit, so etwas wahrzunehmen, wird wohl für die weitere Entwicklung der Menschheit entscheidend sein. Zumal es mit Fortschreiten der technischen Entwicklung immer schwieriger werden wird, ohne entsprechende Schulung einen Unterschied zwischen Lebendigem und Leblosem zu bemerken.

Mit Begeisterung sollten wir kreative, künstlerische Formen entdecken und entwickeln, um Eurythmie so zu vermitteln, dass wir den Umgang mit dem Ätherischen lernen, auch wenn eine reale Begegnung nicht möglich ist. Es gibt sicher Hunderte Ideen und Möglichkeiten für Übungen, ohne dass man auf Geräte starrt und dem Geschehen dort in bloßer Nachahmung folgt.


Laura Rojas Palacio, geboren 1992 in Cali (CO), schließt 2021 ihr Studium am Eurythmeum CH ab und schrieb dafür ihre Diplomarbeit zum Thema ‹Vom Lebendigen und Leblosen. Eurythmie online›.

Rudolf Steiner über Gesang und Sprache

Es läuft also in dasjenige, was der Gesangs- oder Lautstrom ist, das Element der Wärme. In diesem Element der Wärme lebt das Ich. Dadurch bekommen auch Gesang und Sprache die Innigkeit. Dasjenige, was den Ton, was den Laut eigentlich innerlich seelisch macht, kommt dadurch zustande, dass die Wärme gewissermaßen auf den Wellen der Luft, die den Ton rein äußerlich bildet, dass diese Wärme auf den Wellen dieser Luft flutet. So ist in der flutenden Luft selbst der astralische Leib tätig, und in der Wärme, die da auf den Wellen dieser Luft flutet, ist das Ich. Und der astralische Leib und das Ich, die sind sonst nicht nur in der Luft und Wärme, sondern sie sind auch in dem flüssigen und in dem festen Elemente des Menschenleibes. Da ziehen sie sich teilweise heraus, wenn der Mensch spricht oder singt, und beschränken sich auf Luft und Wärme.

Quelle: Rudolf Steiner, GA 278, Vortrag vom 20. Februar 1923, 2015, Seite 59f.