«Die Tiere wollen erkannt werden»

«Die Tiere wollen erkannt werden»

18 Februar 2020 Sebastian Jüngel 38 mal gesehen

Genau 100 Jahre nach dem ersten Ärztekurs Rudolf Steiners findet am Goetheanum die erste internationale Tagung für Anthroposophische Veterinärmedizin statt.


Sabrina Menestrina, Koordinatorin für Tiermedizin in der Medizinischen Sektion, ist es wichtig, zu erkennen, dass sich das Tier nicht ohne den Menschen weiterentwickeln kann (und umgekehrt).

Sebastian Jüngel: Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Tieren?


Sabrina Menestrina
: Ich bin mit Haustieren groß geworden – von klein an haben wir immer Hunde gehabt. Später wusste ich, dass ich beruflich etwas Medizinisches machen wollte. Es zeigte sich, dass mir Tiere nahe waren. Nach dem Universitätsstudium und der für Ärzte, Tierärzte und Apotheker gemeinsamen Ausbildung in Italien wurde ich Anthroposophische Tierärztin.

Jüngel: Selbst Hunde einer Rasse können recht unterschiedliche ‹Charaktere› haben.


Menestrina:
Ja, es gibt so etwas wie Züge einer Individualisierung, wenn Tiere in einer Familie oder auf einem Hof leben – das macht einfach die Nähe zum Menschen. Denn die Tiere wollen vom Menschen erkannt werden und ihm ähnlich sein. Das kann bis zu eher drolligen Annährungen führen, zum Beispiel wenn der Hund seinen Kopf im Bett des Menschen aufs Kopfkissen legt. Sie können dem Menschen so nahe sein, dass es nicht überaschend ist, dass Hunde Kinder aus einer Gefahr retten.

Tiersein ist ein Opfer

Jüngel: Wie kann ich aufs Haustier blicken?

Menestrina:
Das Tier ist kein Mensch. Es braucht freien Auslauf, frisches Futter und Wasser und Schlaf; ein Hund will auch spielen. Das Tier ist ein sich bewegendes, seelisches Wesen, in ihm kommen Flüssigkeiten in Bewegung, imprägniert von der Weisheit des Instinkts. Darüber hinaus kann man eine empathische Verbindung zu ihm finden, indem sich der Mensch dessen bewusst wird, dass das Tiersein ein Opfer darstellt: Wir Menschen haben die Tiere auf unserem Entwicklungsweg zurückgelassen. Wenn wir uns ihnen nicht zuwenden, verlieren wir auch etwas auf unserem Weg als Menschen.

Jüngel: Rudolf Steiner hat Kurse für Ärzte und Therapeuten gegeben, nicht aber für Tierärzte. Was ist Ihre Arbeitsgrundlage?


Menestrina:
Rudolf Steiner hat hier und da etwas über das Wesen des Tieres gesagt, auch im landwirtschaftlichen Kurs (GA 327), im sogenannten Schmetterlingskurs (GA 230) und in ‹Die Offenbarungen des Karma› (GA 120). Das Tier ist heute sehr spezialisiert, ist einheitlich, kann da, anders als der entwicklungsfähige Mensch, nicht heraus. Jedes Tier drückt sich durch seine Laute oder – bei stummen Tieren – durch seine Bewegungsgeste aus und signalisiert damit seiner kosmischen Gruppenseele, dass es auf der Erde ist. Das gibt uns einen Hinweis auf die Verbindung des Tieres mit dem Kosmischen. Davon können wir Menschen lernen.

Bindung an die menschliche Umgebung

Jüngel: Wie weit lassen sich die Erkenntnisse aus der Anthroposophischen Humanmedizin auf die Veterinärmedizin übertragen?

Menestrina:
Erst einmal scheint es nicht möglich zu sein: Der Mensch ist ein vertikales Wesen, das Tier ein horizontales. Diese beiden Richtungen bilden ein Kreuz – das komplette Menschenwesen.

Jüngel: Anders gefragt: Worin unterscheidet sich Krankheit bei Mensch und Tier?


Menestrina:
Das Tier hat kein individuelles Ich und damit kein Karma, es ist auf eine ihm gemäße Umgebung und ihm gemäßes Futter angewiesen. Sind dies und seine weiteren Lebensbedingungen nicht erfüllt, erkrankt das Tier. Zudem ist das Haustier eng mit dem Menschen verbunden, es ist nicht so abgegrenzt wie der Mensch. Es kann die ätherische und astrale Aura des Menschen wahrnehmen und wird von seinen Gedanken, Gefühlen, Absichten geprägt.

Es gibt eine Untersuchung, die aufzeigt, dass der Stress des Menschen auf das Tier übergeht. Daher müssen heute auch Tiere behandelt werden. Als Tierarzt heile ich das kranke Tier, aber ich ‹erziehe› auch den Besitzer zu einem vernünftigen Verhältnis zum Tier hin. Ich verstehe dank der Krankheit seines Tieres vieles vom Besitzer. Da kann es vorkommen, dass ich mit seinem Hausarzt darüber spreche. Das Tier ist Spiegel des Menschen.

Jüngel: Erleiden Tiere Schmerzen?


Menestrina:
Ja, sie können aber darüber nicht reflektieren. Das warmblütige Tier wie das Pferd leidet mit großer Intensität, weil es nicht ‹weiß›, wie es den Schmerz in einem erträglichen Gleichgewicht halten kann. Schmerz nimmt das Tier nicht nur punktuell wahr, sondern als eine Gesamtheit. Das Unverständnis dem Schmerz gegenüber ist für das Tier mit Angst verbunden.

Das verweist darauf, dass die Tiere in einer Entwicklungsphase des Menschen zurückblieben, als sie nicht die Möglichkeit hatten, den Schmerz zu überwinden – zugunsten der menschlichen Evolution. Aber diese Angst empfindet nicht nur das einzelne Tier, sondern sie ergreift die ganze Tiergruppe, reicht hinauf bis zur Gruppenseele.

Jüngel: Und wie sieht es mit dem Tod aus?


Menestrina:
Soweit ich das beurteilen kann, haben Tiere keine Furcht vor dem Tod, da für sie der Tod ganz natürlich ist. Das Tier braucht sich, anders als der Mensch, keine Vorstellung zu machen, wie es in der Ewigkeit aussieht – es steht ja als Glied der Gruppenseele mit dieser ohnehin in Verbindung.

Tiere sind kein Beziehungsersatz

Jüngel: Es heißt, dass man am Tier auch Fähigkeiten ausbilden kann, etwa sich um ein anderes Wesen zu kümmern.

Menestrina:
Das ist schon auch richtig. Aber Achtung: Es sind Tiere und kein Beziehungsersatz. Das Tier ist perfekt und schön, und es fehlt ihm die Liebe, welche nur vom Menschen kommen kann. Oft werden menschliche Bedürfnisse auf das Tier projiziert, etwa das Füttern von Leckerchen. Aber das ist nicht Liebe. Der Begriff der Liebe selbst muss heute geklärt werden: Liebe ist ein Interesse aneinander als Ergebnis von Kenntnis. Für manche ist das Haustier eine Art ‹haariges Kind›, also Kindersatz. Heute werden fast keine Kinder mehr geboren! So gibt es die Tendenz, dass wir in Europa bald mehr Tierärzte als Kinderärzte haben werden. Natürlich liegt der Rekord in Italien … – aber andere europäische Länder folgen uns dicht.


Erste internationale Anthroposophische Tagung für Veterinärmedizin Lösungen und Fragen der Anthroposophischen Veterinärmedizin zur Tierkrankheit, 20. bis 22. März 2020, Goetheanum

Web
www.medsektion-goetheanum.org/fileadmin/user_upload/VET2020_DE.pdf