«Ins Herz hineinfallen»

«Ins Herz hineinfallen»

01 Juli 2020 Catherine Bryden 54 mal gesehen

Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch in anthroposophischen Einrichtungen und Waldorfschulen professionelle Clowns – nun erkundet die Sektion für Redende und Musizierende Künste am Goetheanum, wer als Clown/in tätig ist oder sich für Clownerie interessiert. Catherine Bryden, ausgebildet bei ‹Nose to Nose› (GB), ist eine der tätigen Clowns.


Vom Geist des ‹Clownens› wurde ich das erste Mal als Schülerin in der Oberstufe während Improvisations- und Theaterworkshops mit dem kanadischen Regisseur Robert Lepage berührt. Sein Ansatz für einen kreativen Weg ist von großer Offenheit und Herzenswärme geprägt. Er schuf für Jugendliche geschützte Räume für Spaß, in denen sie so viel wie möglich sie selbst sein können. Ich studierte dann Theater und Entwicklungspsychologie an der Universität und leitete im Sommer Theater- und Sprachcamps, die auf ähnlichen Qualitäten basieren, insbesondere auf Neugier und Spaß.

Runde, rote Tür

Als ich 2001 in Deutschland an der Rudolf-Steiner-Schule Gröbenzell bei München (DE) landete, wurde ich von einem anderen künstlerischen Lichtstrahl, von Kirsi Talvela, begleitet. Sie sagte, dass ich vielleicht meinen Weg in die anthroposophische Welt finden würde. Ich fand ihn. Ich besuchte – weil ich nicht Deutsch sprach – so viele anthroposophische Ausbildungen und Workshops wie möglich auf Englisch.

Dadurch öffnete sich für mich eine Tür: Sie war rund und rot und erschloss eine Welt von herzlicher Freiheit und ständiger Entdeckung. Nachdem ich die von Vivian Gladwell, dem Gründer von ‹Nose to Nose›, angebotenen Kurse besucht hatte, wurde ich Clownausbildnerin und wechselte vom Englischunterricht und der Leitung des Landwirtschaftsprojekts der 9. Klasse zur Vollzeit-Clownerie.

Auf diesem Weg wurde ich gut geführt und unterstützt: von Vivian Gladwell und Kursen am Emerson College (GB) über Norman Skillen und Peter Lutzkers Doktorarbeit zum Einfluss der Clownerie auf die Persönlichkeitsentwicklung von Lehrer/inne/n bis hin zu Teilnehmenden an Workshops und der Zusammenarbeit mit Studierenden verschiedener Lehrerausbildungsseminare.

Egal, ob man im Bereich ‹Clown und …› (Konflikt, Lehrer, Trauma), Geschichtenerzählen, Sozialzirkus oder Tanz arbeitet – der Clown verändert einen spürbar. Wenn man vom Clown berührt worden ist, ist man deutlich leichter und heller, man fühlt sich in seiner Einzigartigkeit bestätigt.

Catherine Bryden, Ering (DE)
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Sebastian
Jüngel Wenn Sie jemandem begegnen: Welchem Bild von Clown begegnen Sie?

Catherine Bryden
Da wir keine Charakter-Clowns darstellen, warte ich ab, welche Seiten des Clowns sich in dieser Person in einem bestimmten Moment präsentieren. Wir geben Raum für jede Seite des Clowns, sich zu zeigen.

Mit individueller Bestimmung verbinden

Jüngel Wenn dieser jemand ein Anthroposoph wäre, wie würden Sie erklären, warum ein Clown für die Anthroposophie wichtig ist?

Bryden
Ich bevorzuge es, wenn Menschen darauf durch direkte Erfahrung und persönliche Entdeckung kommen. Dennoch würde ich sagen, dass der Clown dazu dient, uns in der Gegenwart anderer wieder mit unseren tiefen Sehnsüchten, unserer individuellen Bestimmung, unserem ‹wahren Ich› zu verbinden. Wir akzeptieren uns auf überraschende Weise in unserem Sein und Werden.

Jüngel
Würden Sie Clown Dimitri zustimmen, der über die Entwicklung vom «Clown in mir zum Clown durch mich» schreibt? Diese Formulierung erinnert mich an das berühmte Wort des Apostels Paulus: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» (Galater 2:20). Und vom Erzengel Michael wissen wir, dass er die Welt bejaht – eine Haltung, die ein Clown haben sollte: einen positiven Umgang mit Hindernissen zu finden. Ist der Clown also ein zentraler Aspekt des Menschseins?

Bryden
Auf jeden Fall. Wenn wir clownen, treten wir in den Zustand des Clowns ein oder wecken den Clown in uns. Unsere Aufwärmübungen helfen dabei, dass wir aus unserem Kopf heraus- und in unser Herz hineinfallen; sie eröffnen einen Raum des Nichtwissens, einen Raum, in dem tiefste Absichten und Intuitionen schlummern, die darauf warten, ins Bewusstsein zu treten. Wenn wir clownen, verlernen wir. Wir erinnern uns daran, Künstler/innen zu sein.

Raum für die Zukunft öffnen

Jüngel Was sehen Sie als Aufgabe des Clowns?

Bryden
Aufwachen. Beleben. Verjüngen. Heilen. Verbinden. Erschließen von Raum für die Zukunft, das Unbekannte.

Jüngel
Kann ein/e Darsteller/in ein Leben ohne die Haltung eines Clowns führen?

Bryden
Wenn Menschen anfangen, regelmäßig Clowns zu sein, haben sie das Gefühl, dass sich die Welt um sie herum auf eine Weise öffnet, die sie vorher nicht wahrgenommen haben. Praktizierte Clownerie ermöglicht, uns selbst treu zu sein, uns an unsere tiefen Schmerzen zu erinnern, bewusst zu beobachten, und vor allem, uns mit Urteilen oder vorgeprägten Antworten zurückzuhalten. Je mehr Menschen clownen, desto leichter finden sie Zugang zu ihren Gefühlen und können sich von ihnen leiten lassen, ohne von ihnen beherrscht zu werden.

Jüngel
Warum hat ein Clown eine rote Nase?

Bryden
Die rote Nase – die kleinste Maske der Welt, wie Jacques Lecoq sie nannte – hat einen besonderen Zauber. Ich erlebe die Welt auf neue Weise, und andere erleben andere Aspekte meines ‹Selbsts›, wenn ich eine rote Nase trage. Es fühlt sich an, als ob ich mein Herz im Gesicht trage. Wenn ich mit der Nase auf die Welt schaue, fühle ich mich exponiert, verletzlich – und geschützt.

Jüngel
Clownwerden wird oft auf andere Lebensbereiche übertragen, etwa als Methode zur Kreativität oder im Management (Körpersprache): Bedeutet das nicht, dass der Clown für etwas benutzt wird?

Bryden
Ich denke, der Clown kann Menschen in vieler Hinsicht dienen. Der Clown dient dort, wo er gebraucht wird.


Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.

Kontakt: catherinebryden@playisseriousbusiness.info Web: Nose to Nose

Aufruf: Clowns, meldet euch!

Bitte meldet euch mit Namen, Adresse/E-Mail-Adresse, Ausbildung und Tätigkeit bei Sebastian Jüngel. Er erstellt im Auftrag von Stefan Hasler, Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste, eine entsprechende Liste: sebastian.juengel@goetheanum.ch