Neue Formen der Zusammenarbeit
Am 27. und 28. September fand mit 210 Teilnehmenden am Goetheanum das zweite World Goetheanum Forum zu neuen Formen der Zusammenarbeit statt. Unternehmer/-innen, Leitende von Institutionen und Initiativen-Leitende suchten Begegnung und führten ein Live-Crowdfunding im Volumen von rund 65 000 Euro durch.
Jos de Blok hat seit 2006 in den Niederlanden mit Buurtzorg (Nachbarschaftspflege) eine Organisation von inzwischen 11 000 Pflegefachkräften aufgebaut. Der Gründer – selbst Pflegefachkraft sowie erfahren in Management und Leadership – votiert für den Verzicht auf nicht wirklich notwendige administrative Überbauten und für die Arbeit in Teams von selbstbestimmten Mitarbeitenden, die sich vorrangig ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können. Konsequent reduziert Buurtzorg Dokumentation und Bürokratie auf das Notwendige, während kreative und individuelle Lösungen für die Patienten im Mittelpunkt stehen. Damit löst das Netzwerk für ambulante Pflege auch das Problem, neue Mitarbeitende zu finden. Inzwischen sind zahlreiche Länder an diesem Modell interessiert.
Begegnung in Harmonie und Konflikt
Hanspeter Niggli und Niklaus Schär (und andere) sorgen im Rahmen von CoOpera dafür, dass Pensionsgelder werteorientiert in der Realwirtschaft wirksam werden können. Bedenkt man, dass bis zu 90 Prozent der weltweiten spekulativen Devisengeschäfte mit Pensions- und Versicherungsgeldern durchgeführt werden, kann man ermessen, was es bedeutet, dass CoOpera mit knapp 7 000 Pensionskassen-Mitgliedern 810 Millionen Franken – ein Promille aller Pensionskassengelder der Schweiz – solchem Umgang entzogen und wertvollen wirtschaftlichen Impulsen zugeführt hat.
Für Ha Vinh steht meditative Praxis am Anfang einer gelingenden Zusammenarbeit. Heute ist er schwerpunktmäßig in Vietnam mit dem Projekt ‹happy schools› tätig, in dessen Genuss in wenigen Jahren 25 Millionen Kinder und Jugendliche in Vietnam kommen sollen. Beim Pilotprojekt in der Provinz Hue werden die Lehrkräfte mit einem Curriculum geschult, das die seelische Entwicklung und Persönlichkeitsbildung der Schüler ins Zentrum stellt. Im Hintergrund stehen als Quellen die Waldorfpädagogik und die buddhistische Spiritualität.
Stefan Hasler, Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste am Goetheanum, machte mit den Teilnehmenden Übungen zum Spannungsfeld ›Ich-Du-Wir›, um Begegnung in Harmonie und Konflikt zu erfahren – eine Sensibilisierung unserer Begegnungsfähigkeit in der Zusammenarbeit.
Industrieruinen als ‹Kompost für Neues›
Aonghus Gordon, Gründer von Ruskin Mill, begann, Industrieruinen als ‹Kompost für Neues› zu sehen, eine alte Glasfabrik zu neuem Leben zu erwecken und Jugendliche mit Lern- und Verhaltensstörungen so aktiv werden zu lassen, dass sie lernen, sich selbst und andere zu akzeptieren, handwerkliche Fähigkeiten zu entwickeln und die Qualität des Schönen zu entdecken. Der Ruskin Mill Trust hat die Perspektive einer eigenen Universitätsgründung und geht auf die Spiritualität des Gründers, sein praktisch-künstlerisches wie unternehmerisches Können und seinen Verhandlungsmut mit staatlichen Ämtern zurück, die seine Projekte finanzieren.
Bei Demeter Schweiz teilen sich Aline Haldemann, Bettina Holenstein und Susanne Huber als Team die Geschäftsführung. Sie ‹leben› die Assoziation von Produzenten, Handel und Kunden und setzen um, dass frisch geschlüpfte männliche Küken nicht mehr getötet werden. In den vergangenen Jahren hat Demeter Schweiz erfolgreiche Verhandlungen mit Großverteilern wie Migros und Coop führen können. Gerald Häfner, Leiter der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum, sieht – am Abgrund ökologischer, sozialer, wirtschaftlicher und politischer Krisen – die Notwendigkeit, immer bewusster neue Formen des Zusammenwirkens zu entwickeln und zu leben.
Vergabe von Fördermitteln
Armin Steuernagel, tatkräftiger Mitgestalter des Forums und Mitglied des Young Think Tanks des Club of Rome (ThinkTank 30), hatte ‹Runde Tische› mit 16 Themen vorbereitet, die die Teilnehmenden einbrachten, darunter zu aktuellen Fragen wie ‹Gestaltung von Gehältern›, ‹Nachfolge in Unternehmen / Generationenübergabe› und ‹Verantwortungseigentum›.
Auf der ‹Pitch-Bühne›, einem Live-Crowdfunding-Prozess, von Benjamin Brockhaus und Jonas von der Gathen humorvoll und mit Gespür für das Sensible moderiert, stellten sich 16 Initiativen aus aller Welt in jeweils fünf Minuten vor. Anschließend erhielten sie von den Teilnehmenden Spenden; in einer zweiten Runde verteilten die Teilnehmenden Fördergelder der World Goetheanum Association ‹treuhänderisch› an die Initiativen – damit einher gingen Gespräche und wiederum das Knüpfen neuer Kontakte an den Ständen der Initiativen. Insgesamt wurden rund 65 000 Euro zugesprochen.
Aus dem Forum ergeben sich sowohl persönliche Impulse für viele Teilnehmende als auch Impulse für den Veranstalter, die World Goetheanum Association. Sie schafft einen Begegnungsraum für Unternehmen, Institutionen und Initiativen, die sich auf der Grundlage von spirituellen Impulsen und gemeinsamen Werten in innovativen Formen entwickeln und neue Wege der partnerschaftlichen Zusammenarbeit suchen, die das Gemeinwohl sowie die Zukunft von Mensch und Erde in ihr Handeln einbeziehen.
Web: www.buurtzorg.com; www.coopera.ch; www.elihw.org/eurasia-learning-institute-for-happiness-and-wellbeing; www.rmt.org; www.demeter.ch; www.tt30.de; www.worldgoetheanum.org