Nirmala Diaz

Nirmala Diaz

28 April 2021 Sebastian Jüngel 10 mal gesehen

Seit Ende 2020 vertritt die Literaturwissenschaftlerin und einstige Inhaberin einer Werbeagentur Nirmala Diaz die Anthroposophische Gesellschaft in Indien.


Nirmala Diaz wurde in Tamil Nadu geboren und wuchs dort auf. Sie besuchte die Good-Shepherd-Schule und studierte am Stella-Maris-College in Chennai, wo sie anschließend ein Postgraduiertenstudium in Englisch absolvierte.

Ihre berufliche Laufbahn begann mit einer Ausbildung zur Werbetexterin. Danach arbeitete sie bei verschiedenen nationalen Werbeagenturen in Chennai und Hyderabad, zunächst als Texterin, dann als Cheftexterin. Mit ihrem Mann gründete sie die Werbeagentur ‹Reachout Communications›, die landesweit Kund/inn/en betreute.

Während ihrer Zeit in Chennai wurde sie von Angelika Mandaiker in die Anthroposophie eingeführt. Nirmala Diaz, ihr Ehemann und ein Freund waren im Gründungsvorstand der Sloka-Waldorfschule, Hyderabad, Indiens erster durchgängigen Waldorfschule, die 1997 eröffnet wurde. Nirmala Diaz war eine treibende Kraft hinter der Rudolf-Steiner-Gruppe in Hyderabad, die 2011 die Asien-Pazifik-Tagung ausrichtete. Nirmala Diaz ist seit 30 Jahren mit der Anthroposophie verbunden.

Sebastian Jüngel
Wie erklären Sie als erfahrene Werbetexterin jemandem, der noch nie in Indien war, dieses Land in ein paar Worten oder Bildern?

Nirmala Diaz
Indien? Es ist das Land zauberhafter Geschichten und der Bollywood-Schlager, klischeehafter Kontraste und riesiger Städte, mit einem reichen, bunten Patchwork an Menschen, deren Wohnorte vielfältig und erstaunlich sind. Eine reiche und laute Mischung von Stimmungen, Geschichte und Erinnerungen.

Laut und schön

Laut? Ja! Sehr laut. Spannungen, Verkehr, Straßenverkäufer/innen, das Gedränge des Lebens, das sich jedem Sinn und jeder Logik entzieht. Schönheit? Ja, natürlich, neben den offensichtlichen Sonnenuntergängen und Tanzstränden sieht man sie überall, wenn man dafür empfänglich ist.

Jüngel
Aus der Ferne scheint Indien sowohl eine sehr traditionelle als auch eine sehr moderne (westlich geprägte) Gesellschaft zu sein. Wo verorten Sie die indische Kultur?

Diaz
In Indien? Sie liegt im Blut, im Rhythmus, in der Sprachgewandtheit – das kann ein ganzes Leben ‹würzen›. Die indische Kultur war schon immer inklusiv – all die Reisenden, Händler und Historiker, Krieger und Kriegsherren, Könige und Moguls sind durch Indien gezogen und haben ihre Spuren hinterlassen.

Jüngel
Indien ist ein sehr großes und komplexes Land – oder eher eine Konföderation von Staaten oder Kulturen? Was hält es zusammen? Wo liegen die Spannungen?

Diaz
Der britische Schriftsteller Vidiadhar Surajprasad Naipaul nannte Indien eine verwundete Zivilisation. Ja! Alles, was lebt, ist verwundet. Aber in Indien sind die Wunden durch Geschwisterlichkeit, Verbundenheit und gemeinsames Feiern verheilt. Unfruchtbares Ödland hat sich immer wieder erholt und ist mit dem neuen Tag und einer neuen Ordnung immer wieder aufgeblüht. Die [kosmische Kraft] Shakti ist angeboren, gottgegeben. Wir sind tief verwurzelt, mit einem tiefen kulturellen Erbe, und dennoch global. Wir sind wirklich frei, zu sein. Ost und West koexistieren.

Kraft, sich zu verwandeln

Durch Städte und Staaten ist die gewaltige Landmasse geopolitisch unterteilt. Sprachen, Essen, Lebensunterhalt, Bildung, Handel und Landwirtschaft: Die Dienstleistungsindustrie hilft, Indien zu vereinen. Riesige Bahnnetze, Autobahnen und Fluggesellschaften helfen, die kulturelle, kulinarische, sprachliche und religiöse Kluft zu schließen sowie regionale Unterschiede und politische Gegensätze zu überwinden.

Die existenzielle Angst, in einem so dicht besiedelten Land zu leben, um seinen Lebensunterhalt kämpfen zu müssen, macht die Menschen aggressiv und führt zuweilen zu einer defensiven, sogar reaktionären Haltung, selbst bei Menschen, die in Harmonie gelebt und Grenzen respektiert haben. Eine spröde Eigenschaft, das materialistische Missachten unserer wertvollsten Qualität – unserer Resilienz, der Fähigkeit, zu ertragen und zu überwinden –, hat uns Jahrhunderte hindurch begleitet. Es ist diese Fähigkeit, die Indien auszeichnet, diese Kraft der Verwandlung und des Neubeginns.

Jüngel
Kann die Anthroposophie zur Entwicklung des Landes beitragen?

Diaz
Anthroposophie verspricht in der heutigen Zeit Kraft für alle Menschen. Die Universalität der Anthroposophie spricht an. Sie kann helfen – und hat geholfen –, Brücken zu schlagen und Dauerhaftigkeit zu schaffen, um zu verstehen, dass Geistiges und Menschliches zusammenwirken können. Die Menschenkunde ist da, damit wir mit ihr arbeiten, sie verinnerlichen und uns durch sie weiterentwickeln. Sie kommt in vielen Bereichen – Landwirtschaft, Erziehung, Therapie, Eurythmie, Gesundheit und Medizin – zur praktischen Anwendung. Feuer und Form werden zum zielgerichteten Willen, der sich in sozialen Initiativen manifestiert. Der heilende Impuls der Anthroposophie ist eine Quelle ständigen Staunens und ständiger Dankbarkeit.

Lachend den Problemen begegnen

Jüngel Ist die Anthroposophie in Indien eigenständig – oder ist sie stark von Europa oder durch die historische Verbindung etwa zum theosophischen Impuls beeinflusst?

Diaz
Sie hat eine lebendige, junge Mitgliedschaft, die die Anthroposophie freudig wiederentdeckt, ernsthaft und intensiv in mehreren Gruppen arbeitet und ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung einbringt. Wir sehen Hoffnung und wirkliches Interesse daran, wie Anthroposophie alles, was wir tun, verändern kann – und auch daran, wie sehr die Kraft des lebendigen oder lichtvollen Denkens unser Leben und die Menschen darin berühren kann.

Jüngel
Gibt es eine Anekdote, die Ihr Verhältnis zu Ihrem eigenen Land beschreibt?

Diaz
Wir lachen viel – und das hilft uns, so viele Probleme zu überwinden, und es vereint uns. Dieser Einblick in das Göttliche, den wir einst hatten, wird als Keimkraft in uns wiedergeboren.


Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.

Web
Anthroposophische Gesellschaft in Indien