Resilienz des Lebendigen
Gegenwärtig machen nahezu alle Erfahrungen mit dem Phänomen der Institutionalisierung, die gewöhnlich Menschen mit Behinderungen und anderen marginalisierten Gruppen vorbehalten sind oder die allenfalls in individuellen Ausnahmesituationen kurzzeitig erlebt werden.
Zur Institutionalisierung gehört, dass wesentliche Aspekte des Alltagslebens durch eine Autorität geregelt und so der eigenen Einflussnahme entzogen werden. Die Folge: Der individuelle Bewegungsspielraum wird vordefinierten Handlungsabläufen untergeordnet, damit man selbst beziehungsweise andere geschützt werden. Denn allein schon die leibliche Präsenz im öffentlichen Raum stelle einen Risikofaktor dar. Nicht zuletzt weil diese ‹Bedrohung› unsichtbar ist und nicht erkannt werden kann, ist man auf die Autorität angewiesen, die exklusiven Zugang zu Informationen hat und einen vom eigenen Urteil entbindet. Da die Maßnahmen in der Leiblichkeit verortet sind, fühlt sich die Autorität zuständig, gegebenenfalls unmittelbar in die Leiblichkeit selbst einzugreifen.
Dynamische Selbstregulation
Dem institutionellen Top-Down-Krisenmanagement mit Befehls- und Kontrollstrukturen stehen soziale Organisationformen gegenüber, die sich situativ spontan bilden und vor Ort tätig sind. Bürgerinitiativen oder Disaster Communities aus individueller Initiative nutzen bestehende Beziehungsnetzwerke oder schaffen diese neu. Da diese Initiativen in einer direkten Rückkoppelung mit Situation und Konsequenzen ihres Handelns stehen, sind sie gewöhnlich schneller handlungsfähig, können sich wandelnden Bedingungen flexibel anpassen und erweisen sich als in hohem Grad lernfähig. Dies alles setzt voraus, dass die Menschen frei miteinander in Kontakt sind.
Die Qualität der Handlung hängt damit vom Grad der Lebendigkeit des handelnden sozialen Organismus ab. Nichtlebendige Körper oder Systeme mit mechanischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen der Entropie. Stress führt bei ihnen zu Verschleiß, der durch ordnende Eingriffe von außen immer wieder ‹repariert› werden muss. Dem gegenüber steht ‹Antifragilität› (Nassim Nicholas Taleb) als ein Charakteristikum des Lebendigen.
Lebende Organismen stehen in einer dynamischen Resonanzbeziehung mit ihrer Umwelt, die Entwicklung, Erneuerung, Umwandlung und Fortpflanzung ermöglicht. Sie sind nicht nur resilient im Sinne der Fähigkeit, nach einem Trauma einen vorhergehenden Gleichgewichtszustand wiederherstellen zu können; sie brauchen sogar Stress und Störungserlebnisse, um sich zu entwickeln und ihre Fähigkeiten zu erweitern. Grundlage dafür sind die in den organischen Bildekräften und Lebensprozessen angelegten Prinzipien der dynamischen Selbstregulation und responsiven Selbststeuerung.
Auch Sozialorganismen wie Partnerschaften, Gemeinschaften und Organisationen jeder Art und Größe, kommunale Gemeinwesen, Staaten und transnationale Verbünde sowie die globale Gemeinschaft lassen sich unter dem Gesichtspunkt der Fragilität und Antifragilität betrachten.
Wachsen an Stress und Trauma
Je mehr ‹mechanische› Organisationsprinzipien mit ihrer zentralen Steuerung nach festgesetzten Zielvorgaben und mittels linearer Prozess- und Kommunikationsschemen in einem System überwiegen, umso fragiler reagiert es und umso eher führen Störungen zum Kollaps. Je stärker jedoch das Gemeinwesen die Selbstorganisationsprinzipien und die dezentralen, dynamisch-responsiven Selbststeuerungsprozesse verkörpert, die einen lebendigen Organismus ausmachen, umso besser kann es mit Stress und Trauma umgehen und durch deren Bewältigung wachsen und sich weiterentwickeln.
Bearbeitete Auszüge aus dem Buch ‹Perspektive und Initiativen zur Coronazeit›.